Weibliches Alpha-Tier im Berggebiet

Weibliches Alpha-Tier im Berggebiet

Der Mixer, das Polymer, der Kochherd, die Interpellation, der Risikofaktor, das Bügelbrett, der Puck, das Bügeleisen, der Vortrieb, der Dampfkochtopf und das Lockergestein.

von Ursina Trautmann

Ursina Trautmann ist freie Journalistin und Schriftstellerin.  Bild: Peter de Jong

Ursina Trautmann ist freie Journalistin und Schriftstellerin. Bild: Peter de Jong

Frauen führen, politisieren, haushalten, berechnen, menstruieren – oder auch nicht – oder nicht mehr. Sie bewegen sich als Politikerinnen am Rand des Abgrunds von Debatte und Intrige, als Managerinnen mit der Familie am Küchen- und auf dem internationalen Parkett mit Geschäftshaien und Hyänen rund um den Verhandlungstisch.

98 838 Frauen leben in Graubünden (statistische Daten zur Bündner Wohnbevölkerung vom 31.12.2017). Die Männer hatten zum Zeitpunkt der Erhebung numerisch leicht die Überhand: es waren 212 mehr, nämlich 99 050.

Der Steamer, der Tampon, der Vorstoss, der Cashflow

Frauen planen in Graubünden Tunnels, organisieren Kulturveranstaltungen, verwalten Millionen oder lassen von hier aus auf der ganzen Welt petrochemische Anlagen bauen, sie ziehen in parlamentarischen Kommissionen die Strippen und oft auch den Karren.

Aber: Frauenvertretung in der Bündner Regierung: Null. Frauenvertretung im Bündner Parlament: 21,7 Prozent. Von den 120 Parlamentariern sind 26 Frauen, 94 Männer. Graubünden liegt mit diesem Frauenanteil im Kantonsparlament gleichauf mit Glarus und Nidwalden. Schlechter vertreten sind die Frauen nur noch im Wallis, in St. Gallen und im Kanton Schwyz. Im Schnitt macht der Frauenanteil in den Schweizer Kantonsparlamenten 27,9 Prozent aus.

Der Dampfkochtopf, der BH, das Dekolleté und die Emanze

Wo sind sie, die Frauen in der Bündner Wirtschaft und Politik? «Frauen in Führungspositionen wollen oftmals nicht noch mehr Sichtbarkeit», machte Martina Fehr, die publizistische Leiterin bei Somedia, die Erfahrung. Als Chefredaktorin der Südostschweiz wollte sie eine Serie über Frauen in der Bündner Wirtschaft starten. Sie erhielt viele Absagen. «Immer noch wird Ehrgeiz bei Frauen negativ gewertet», ist Fehr überzeugt. Indirektes Anschauungsbeispiel gefällig? In einem Führungsseminar wurde Fehrs Auftrittskompetenz bewertet. Aufgabe: den ganzen Raum für sich einnehmen. Die Reaktion des Seminar-Leiters auf Fehrs Auftritt: «Sie sind sehr dominant!» Ein Mann würde kaum ein solches Feedback erhalten, glaubt die Journalistin.

«Immer noch wird Ehrgeiz bei Frauen negativ gewertet.»

Die 44-Jährige stieg vor 22 Jahren noch während ihres Studiums beim ehemaligen Radio Grischa ein und erhielt von Verleger-Patriarch Hanspeter Lebrument (mit anderen Frauen) die Chance zum Aufstieg. Allerdings musste sie sich auf diesem Weg eine dicke Haut zulegen. Als Chefredaktorin erhielt Fehr zuweilen ihre Kommentare zurückgeschickt. Einmal war ein Penis darüber gemalt, ein andermal lag dem Brief ein Tampon bei. «Anfänglich haben mich solche Gesten sehr beschäftigt», gibt Fehr zu. Heute landen solche Reaktionen direkt im Müll. «Sexismus wird oft auch als Ventil benutzt.»

Ihr Durchsetzungsvermögen bekam Martina Fehr sozusagen anerzogen: «Meine Mutter wuchs im Oberland mit 11 Geschwistern auf. Sie und ihre Schwestern mussten im Haushalt mehr arbeiten, als die Brüder. Diese Ungerechtigkeit hat meine Mutter stark geprägt. Wehrt euch, hat sie uns beigebracht und immer wieder gesagt: Du hast dieselben Rechte wie ein Mann. Du musst dir nichts verbieten lassen.» Als Emanze würde sich Fehrs Mutter allerdings niemals bezeichnen.

Der Laichplatz, der Froschkönig und die Kröte

Marianne Manzanell, die Maschinenbau-Unternehmerin (im Fast-Ruhestand) aus Felsberg, spricht von «Biotop», wenn sie die familiären Vorbedingungen beschreibt, auf die sie beim Einstieg ins Unternehmen ihres Grossvaters und Vaters, der Freymatic AG, traf. «Ich vertrete ja eher den Unternehmerstandpunkt als den Frauenstandpunkt», warnt die 73-Jährige vor dem Gespräch. «Eine Frau im gebärfähigen Alter ist im Betrieb für den Unternehmer eine Zeitbombe», sagt Manzanell und rechnet die Ausgaben und Umstände mit den Absenzen durch die Mutterschaft vor, die einem Unternehmen anfallen, sobald eine Angestellte schwanger wird. Ja, das rechtfertige mit weiterführenden Rechnungen schliesslich sogar einen etwas tieferen Lohn. Dann lacht sie: «Ich habe ein Talent, mich mit heiklen Themen zu exponieren.» «Meine Welt ist eine Männerwelt», schrieb Manzanell in ihrem inzwischen vergriffenen «Alltagebuch – Aufzeichnungen einer Unternehmerin», das bei der HSG St. Gallen erschien. «Eine Frau unter Männern muss nicht benachteiligt sein, im Gegenteil», kann man dort nachlesen. «Ich denke ich habe Vorteile. Frage ich einen vielbeschäftigten Manager um Rat, so hat er sich immer sofort Zeit genommen. (…) wir haben zusammen mein Problem analysiert, und ich habe einen guten Rat umsetzen können.» Es sind die Worte einer Vorreiterin aus den 80er und 90erJahren.

«Eine Frau im gebärfähigen Alter ist im Betrieb für den Unternehmer eine Zeitbombe.»

Doch Manzanell sieht auch die grundsätzlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau: «Wenn bei Männern die Stimmung zu Hause mies ist, weichen sie aus.» Für Frauen, für die ihr Heim «lebenszentral» ist, wird es schwierig, wenn es zu Hause nicht mehr stimmt. Entweder sie schlucken die Kröte oder sie nehmen ihr Leben in die eigene Hand und suchen einen Weg aus der Situation hinaus. Man nennt das auch Emanzipation. Manzanell ist überzeugt, dass Männer durch ihre Lebenssituation besser sublimieren können als Frauen.«Männer wandeln ihre Energie in Arbeit, in Vereine, Clubs und Politik mit gesellschaftlich anerkannter Wirkung um», sagt sie.

Das Selbstverständnis, die Männerwelt

«Männer wollen wirken. Ich will verstehen», sagte einst die politische Theoretikerin und Publizistin Hannah Arendt.

Martina Fasani wirkt, muss aber immer erst verstehen: Die Ungewissheiten der Geologie, die Herausforderungen der Baustelle, die Bauabläufe – das fasziniert die Tunnelbau-Ingenieurin an ihrem Beruf. «Aber», sagt sie «Kinder erziehen ist sehr wahrscheinlich schwieriger, als einen Tunnel zu bauen. Ein Tunnelbau ist irgendwann abgeschlossen. Mit Kindern taucht man immer wieder in neue Lebensabschnitte ein». Die Kaderfrau bei der Ingenieurunternehmung Gähler und Partner AG arbeitet zurzeit am Neubau des Albulatunnels II der Rhätischen Bahn (RhB).

«Kinder erziehen ist sehr wahrscheinlich schwieriger, als einen Tunnel zu bauen.»

Als dreifache Mutter beobachtet Fasani, dass es für Schweizerinnen – im Gegensatz zu Frauen aus anderen europäischen Ländern – nicht selbstverständlich ist, Vollzeit zu arbeiten und zugleich Mutter zu sein. «Unsere Generation hat wenige Vorbilder», sagt sie.

Die Schweiz ist im europäischen Vergleich beim Mutterschutz alles andere als eine Vorreiterin. Das bekommen heute sowohl Arbeitnehmerinnen als auch Arbeitgeber(innen) zu spüren. Immerhin: Das Gesetz sieht bei gleichwertiger Arbeit gleichen Lohn für Mann und Frau vor und verbietet die Diskriminierung am Arbeitsplatz aufgrund des Geschlechts.

«Sicher ist es für Frauen einfacher, ihre Karriere weiterzuverfolgen, wenn sie vor einer allfälligen Babypause eine erste Kaderfunktion erreicht haben», gibt die Ingenieurin Fasani zu bedenken. Aus ihrer männerdominierten Arbeitswelt erzählt sie Ähnliches wie Marianne Manzanell: «Als Frau fällst du auf. Aber die Leistung muss in jedem Fall stimmen, ob bei Mann oder Frau.»

Ganz anders, wenn sich die Macht statt über Kräfte, Greifzangen und Fräsen über Worte manifestiert, wie in der Politik. Die Bündner SP-Grossrätin Sandra Locher Benguerel erzählt, wie sich ein Kollege im Parlament ein Spielchen erlaubte und sie mit ihrem politischen Anliegen «an die Wand fuhr», indem er in der Kommission vor der Abstimmung «einen Quatsch» erzählte. «Ich habe ihn umgehend angerufen und erklärt, dass ich so etwas nicht akzeptiere», sagt Locher.

Die einstige Aussenseiterin im Bündner Parlament hat sich mit solchen Gesten – und mit Dossierkenntnis, (die so vielen PolitikerINNEN nachgesagt wird), Respekt verschafft. Aus der völligen Unbekanntheit hat sich Locher seit 2001 hochgearbeitet. Heute nimmt sie bei den Sozialdemokraten unter den Frauen auf der Nationalratswahlliste die Pole-Position ein. «Netzwerk» lautet Lochers Zauberwort. «Das Netzwerk ist entscheidend.» Ist sie ehrgeizig? Die ausgebildete Lehrerin bezeichnet sich lieber als «zielstrebig» – und auch als «hartnäckig.» Eine Politkarriere im Alleingang? Unmöglich. «Ich werde stark unterstützt – von meiner Partei, von meinem Netzwerk und von meinem Partner», sagt Locher. Bedauerlich ist für die SP-Politikerin, dass das Gleichstellungsthema immer noch als linkes Thema wahrgenommen wird und nicht als ein gesellschaftspolitisches.

«Das Netzwerk ist entscheidend.»

In Graubünden ist das traditionelle Erwerbsmodell – mit einem vollzeitbeschäftigten Mann und einer nicht erwerbstätigen Frau – mit 26,1 Prozent unter den Paaren stärker verbreitet als im schweizerischen Schnitt (23,4 Prozent). Bei den meisten Bündner Paaren arbeiten die Männer Vollzeit und die Frauen Teilzeit.

Der Leutnant, die Landesverräterin, der Tonfall

1887 verlangte die Bündner Historikerin Meta von Salis-Marschlins als erste Schweizerin öffentlich das allgemeine Frauenstimm- und -wahlrecht. Fast ein Jahrhundert danach, im Jahr 1983, mussten Bivio, Buseno, Morissen, Rona, Saas, Salouf, Stierva, St. Antönien, Ascharina, Tenna und Versam als letzte Bündner Gemeinden gezwungen werden, das Frauenstimmrecht auf Gemeindeebene einzuführen.

«Netzwerk, Mut, Selbstvertrauen, Sachlichkeit, Zeit» sind Stichworte, die im Gespräch mit der ehemaligen Bündner BDP-Regierungsrätin Barbara Janom Steiner fallen. «Frauen halten ihren erfolgreichen Männern oft den Rücken frei», sagt die Politikerin. Barbara Janom Steiner wird ihr Politikerinnen-Gewand in den nächsten Jahren allerdings ablegen, denn ihr künftiges Amt als Präsidentin des Bankrats der Nationalbank ist nicht vereinbar mit politischer Arbeit.

Netzwerke waren auch für Janom Steiner immer «sehr wichtig.» Den Mut hat sie sich als junge Frau unter anderem im Militärdienst antrainiert. «Als Leutnant lernte ich, mich vorne hin zu stellen.» Natürlich gebe es Unterschiede zwischen Politikerinnen und Politikern, findet die ehemalige Regierungsrätin: «Frauen hinterfragen sich sehr oft mehr als Männer.» Aber Janom hat in ihrer Politkarriere erfahren, dass Diskussionen durch von Frauen eingebrachte Standpunkte gewinnen und umfassender werden.

«Als Leutnant lernte ich, mich vorne hin zu stellen.»

Aber Frauen in Graubünden für die Politik zu gewinnen, ist schwierig. «Frauen nehmen mit ihrem sozialen Engagement in Familie und Beruf schon oft sehr viele Rollen ein.» Für die zeitintensive Politik bleibe da vielfach keine Zeit mehr. Auch schrecke der Tonfall in politischen Debatten viele Frauen ab, sagt die ehemalige Regierungsrätin. «Ich wurde nach Interviews auch schon als Landesverräterin beschimpft. Da braucht man eine dicke Haut.»

FDP-Grossrätin und Fraktionspräsidentin Vera Stiffler sagt nicht «dicke Haut.» «Eine Frau in der Politik braucht Haare auf den Zähnen», findet Stiffler. Die 45-Jährige hat das Gleichstellungsthema erst vor neun Jahren mit ihrer Rückkehr nach Graubünden und der Wahl in den Grossrat für sich entdeckt. Da begriff sie, was es bedeutet, dass 80 Prozent der Politik von Männern gemacht wird. Als sie 2008 mit Berufserfahrung im Marketing im internationalen Umfeld nach Graubünden zurückkehrte, fand auch sie ein Biotop vor. Ihre Mutter Sina Stiffler hatte für die FDP im Parlament gesessen, ihr Vater Rolf Stiffler war Stadtpräsident von Chur. «Als Jugendliche hatte ich wenig Verständnis für die Themen meiner Mutter über die Emanzipation der Frau», sagt die Politikerin. «Ich sah auch im Berufsleben nie ein Problem und habe für mich selbst immer sehr taff verhandelt.» Heute ist Stiffler «auf dem Boden der Realität angekommen», wie sie selbst sagt. «Die Frauen sind es leid, immer Frauenthemen zu bringen», sagt Stiffler, die im RhB-Verwaltunsgrat sitzt und ebenfalls für den Nationalrat kandidiert. Um die Unterstützung ihres Partners weiss sie: «Mein Mann sagt, wenn Du nach Bern gehst, übernehme ich zu Hause die Betreuung der Familie.»

«Eine Frau in der Politik braucht Haare auf den Zähnen.»

Politik und Wirtschaft als Männerdomänen? «Nein, überhaupt nicht», sagt SVP-Nationalrätin und Unternehmerin Magdalena Martullo Blocher. «Jede Frau kann heute erfolgreich sein, wenn sie möchte und sich voll einsetzt (wie ein Mann auch).» Auf die EMS-Chemie, ihren eigenen Betrieb, angesprochen, meint Martullo-Blocher: «Im chemisch-technischen Bereich und in der Autoindustrie gibt es leider am wenigsten Frauen weltweit. Am meisten Kaderfrauen haben wir in China.» Teilzeitarbeit findet die Nationalrätin für Frauen nach der Familienpause nachvollziehbar und «in Ordnung.» «Die Familie hat für mich in unserer Gesellschaft einen hohen Stellenwert», sagt sie und setzt einen Seitenhieb – gegen kinderlose Frauen: «Offenbar haben gerade viele Frauen in Bundesbern keine Kinder – damit vertreten sie viele Frauen gar nicht!»

«Jede Frau kann heute erfolgreich sein, wenn sie möchte und sich voll einsetzt (wie ein Mann auch).»

Das Geld, die Macht

Eine Sportlerin erzählt: «Wehe, du überholst am Engadiner als Frau Männer! Sie werden mit den Stöcken nach dir schlagen und versuchen, dich zu Fall zu bringen!»

Die Aroser Eishockeyanerin und Nationalmannschaftsspielerin Livia Altmann sagt: «Das Fraueneishockey ist auf dem Weg in die richtige Richtung. Klar, es ist noch ein langer Weg, aber die Frauen werden definitiv immer mehr unterstützt, auch finanziell. Ein wichtiger Meilenstein ist, dass mehr Girls beginnen, Eishockey zu spielen.» Während Männer mit Eishockey richtig gut Geld verdienen können, müssen die Eishockeyanerinnen immer noch Clubbeiträge bezahlen.

Während Männer mit Eishockey richtig gut Geld verdienen können, müssen die Eishockeyanerinnen immer noch Clubbeiträge bezahlen

«Ich bin eine Freidenkerin und will meine Meinung sagen können», sagt die Kulturmanagerin und Betriebsökonomin Urezza Famos. Als «befremdend» bezeichnet sie die Tatsache, dass bei der Graubündner Kantonalbank (GKB), als Vorzeige-Institution, erst ab Herbst 2019 eine Frau in der Geschäftsleitung sitzt. Und ja: «Frauen haben einen anderen Umgang mit Macht und Geld», ist Famos überzeugt.

Die gebürtige Engadinerin glaubt, dass sich das Bild der Frauen in den Köpfen sowohl von Männern als auch von Frauen noch nicht durchgehend emanzipiert hat. Als Verwaltungsrätin und Betriebsökonomin hat Famos zudem allzu oft beobachtet, dass Frauen in Führungspositionen ihre Weiblichkeit verlieren, wenn sie sich in die Rolle der Männer hinein zwängen. «Ich selbst konnte meiner Weiblichkeit auch erst im Alter von 35, 40 Jahren Raum geben», gesteht sie ein.

«Frauen haben einen anderen Umgang mit Macht und Geld.»

Famos ist eine Macherin. Eine, die ihre Meinung kund tut und sich nicht in die Bequemlichkeitszone begeben mag. «Wenn ich einen Film sehe, wie etwa 'Female Pleasure' von Barbara Millers, (in dem fünf Frauen für sexuelle Aufklärung und Selbstbestimmung einstehen), dann weiss ich: es gibt noch viel zu tun», sagt Famos.

Der Küch, die Staubsaugerin

«Sie ist eineR von den ganz wenigen Investmentbankern, die es in der Schweiz gibt», sagt der GKB-Mediensprecher auf die Interview-Anfrage für Martina Müller Kamp. Ein hübscher Freudscher Versprecher, der nur zu gut zum Thema «Frauen in der Bündner Wirtschaft» passt. Kamp ist ab Herbst 2019 die erste Frau in der Geschäftsleitung der Graubündner Kantonalbank. Und? Wird sich die erste Frau in der GKB-Geschäftsleitung im Betrieb für Frauenförderung stark machen?

«Für mich löst Frauenförderung allein nicht das Problem, dass es heute immer noch wenige Frauen in Führungspositionen gibt», findet Kamp.

«Als Arbeitgeber müssen wir für unsere Mitarbeitenden lebensabschnittsgerechte Arbeitszeitmodelle ohne Karrierebruch ermöglichen. Das gilt für Männer wie für Frauen. Wenn wir nicht nur Frauen sondern auch Männer darin unterstützen, sich neben ihrer Karriere verstärkt in der Familie zu engagieren, schaffen wir die Voraussetzung, dass Kinder oder die Pflege der Eltern nicht automatisch die Karriere von Frauen beenden. Wir stellen fest, dass die Bereitschaft zu Teilzeitarbeit auch bei Männern steigt und diese sehr offen und dankbar für die Möglichkeit sind, Familie und Beruf besser verbinden zu können. Im Kampf um Talente, wo auch das Potential der Frauen besser genutzt wird, ist eine solche Strategie essentiell. Dafür setzte ich mich ein. Wenn Männer die Sicherheit haben, dass eine Teilzeitstelle ihre Karrierechancen nicht mindert und wissen, dass das Engagement in der Familie nicht belächelt sondern ernst genommen wird, beteiligen sie sich automatisch mehr an der Familienarbeit. Doppel- und Dreifachbelastung ist dann kein Frauenthema mehr, sondern ein organisatorisches Familienthema.»

Genaue Erhebungen zu Frauen in Führungspositionen in Graubünden wurden keine durchgeführt. Es existieren deshalb keine statistischen Daten. Der Frauenanteil im obersten Management und in Kaderpositionen dürfte wegen des schwächeren Dienstleistungssektors und der traditionellen Erwerbsmuster in Graubünden jedoch unter dem nationalen Mittel liegen. Dieses liegt bei 36 Prozent.

 

 

Auf dass Frauen an Kaderkonferenzen vor der Toilette Schlange stehen müssen

von Seraina Flury

Seraina Flury gehört zum leitenden Kader des SBB.  Bild: ZvG

Seraina Flury gehört zum leitenden Kader des SBB. Bild: ZvG

2005 überholten die Frauen die Männer bei der Maturitätsquote in der Schweiz; in Graubünden war es 2010 so weit. Seit der Jahrtausendwende fand die Zunahme der Beschäftigung von Frauen in der Schweiz vor allem in sehr gut qualifizierten Berufen statt. Der Schilling Report vom März 2019 war übertitelt mit «Die Gender Diversity in Schweizer Unternehmen nimmt Fahrt auf» und berichtete: 2018 hatten die Frauenanteile in den Geschäftsleitungen wie auch in den Verwaltungsräten der 100 grössten Arbeitgeber zugenommen. Die Welt bewegt sich – wirklich?

Mitte März an der Topkaderkonferenz einer grossen Schweizer Unternehmung: Eine einzige Frauentoilette und praktisch kein Stau.

2018 betrug der Frauenanteil 9% in Geschäftsleitungen und 21% in Verwaltungsräten. Vor der Toilette müssen diese Frauen selten warten. Dies gilt es zu ändern. Gefordert sind die Führungskräfte auf allen Stufen, damit Frauen nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel auf der Chefetage sind – wie die Männer auch.

 

 

Sind Frauen wirklich immer Opfer?

von Jöri Schwärzel

Jöri Schwärzel ist Grossrat und Präsident von  maenner.gr   Bild: ZvG

Jöri Schwärzel ist Grossrat und Präsident von maenner.gr Bild: ZvG

Es ist so: Die Frau als Opfer erlebt ein Revival. Vorbei scheinen die Zeiten der starken Frauen. Die Bewegung «Me Too» und die Forderung nach gleichen Löhnen bauen auf der Opferrolle der Frau auf.

Es ist leider so, Frauen sind in diesen Themen Opfer, immer wieder. Ich weiss aber nicht, ob es geschickt ist, die Frauen als ständige Opfer der Männer-Gesellschaft so aktiv zu bewirtschaften und so zu hoffen, dass damit in Gesellschaft und Politik etwas gewonnen werden kann. Einmal Opfer - immer Opfer.

Der Artikel von Ursina Trautmann hat wohltuend einen anderen Ansatz. Man merkt es schon am Titel. Doch bei den kleinen Porträts der Alphafrauen kommt sie wieder, diese Opferrolle. Nicht für die Alphafrauen selbst – sie haben es ja geschafft, sich durchzusetzen. Aber das Kollektiv «Frau» bleibt auch bei Alphafrauen gerne das Opfer, nicht ohne Grund.

Es ist natürlich viel Leistung, wenn sich eine Frau aus der Opferrolle in die Rolle der Gewinnerin hieven kann. Ein echter Erfolg! Und schon sind wir in der Begrifflichkeit, die der Männerwelt zugeordnet wird: Leistung zeigen, gewinnen, Erfolg haben. Welche Ziele hat eine Frau, die sich diese Begriffe zuschreiben kann, erreicht? Ändert sich damit die Gesellschaft zum Besseren?

Wir von maenner.gr gehen in diesen Themen den Weg vom Mann aus. Ohne aus der Gewinnerrolle selbst in eine Opferrolle zu schlüpfen, müssen wir Männer uns fragen: Ist es wirklich so erstrebenwert und cool, die Familie ernähren zu müssen und die Kinder nur in der spärlichen Freizeit betreuen zu können? Die Kinder und die Partner*in kaum noch zu sehen, um Karriere machen zu können? Mit fünfzig die Macht in führender Position zu geniessen – um den Preis, das Aufwachsen der eigenen Kinder verpasst zu haben?

Gemäss Wahrheit oder Legende ist die häufigste Klage von Männern auf dem Totenbett, sich nicht genug um die Kinder gekümmert zu haben. Sollen Frauen diese Klage in Zukunft auch formulieren dürfen? Besser wäre es für die meisten Männer und Frauen, sie könnten beides: Kinder betreuen und Karriere machen. Teilen wir uns diese Aufgaben im Leben. Teilen wir uns den Erfolg und die Kinderliebe. Beginnen wir damit, die Väter mit einem echten Vaterschaftsurlaub die Betreuungsrolle von Anfang an erleben zu lassen.