Wie viele Mittelschulen braucht das Land?

Den privaten Mittelschulen im Kanton Graubünden gehen die Schüler aus. Neben der Kantonsschule in Chur buhlen im Engadin, im Prättigau, in Davos und der Surselva insgesamt acht Mittelschulen um Jugendliche. In den nächsten Jahren wird sich zeigen, welche Betriebe auch mit weniger Schülern überleben.

von Ursina Trautmann

Ursina Trautmann ist freie Journalistin und Schriftstellerin. Bild: Peter de Jong

Ursina Trautmann ist freie Journalistin und Schriftstellerin. Bild: Peter de Jong

Tina (12) geht in einem Dorf im Bündner Rheintal in die sechste Klasse. Sie ist zweisprachig – italienisch und deutsch – aufgewachsen, mag den Unterricht und hätte sich für die Prüfung ans Untergymnasium in Chur anmelden können. Aber die Sekundarschule im Dorf buhlt um die Jugendlichen, denn die Gemeinde muss pro Kind, das ins 1. und 2. Untergymnasium geht, 15'000 Franken im Jahr bezahlen. Tina will mit ihren Freundinnen an die Oberstufe im Dorf und die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium nach der 2. Sekundarklasse machen. Vielleicht entscheidet sie sich dann auch für eine Lehre und die Berufsmittelschule.

Rasanter Rückgang bei den Mittelschülerinnen und -schülern

Die Zahl der Mittelschülerinnen und -schüler ist in Graubünden seit der Jahrtausendwende rasant zurückgegangen. Im Schuljahr 2003/04 besuchten über 2'900 Bündner Jugendliche eine der acht Mittelschulen im Kanton. Im Schuljahr 2015/2016 waren es noch 2'350. 350 Schülerinnen und Schüler kamen aus anderen Kantonen oder dem Ausland. Weitere 500 Schüler werden den Mittelschulen in den nächsten fünf Jahren fehlen, rechnet der Kanton. Die demographische Entwicklung zeigt erst nach 2024 wieder aufwärts.

Hauptgrund für die tiefen Schülerzahlen ist der Rückgang der Geburten nach dem Jahr 2000. Zudem verlassen immer mehr Familien die Bündner Täler. Und nicht zuletzt wirkt sich heute aus, dass die Schulbildung in den letzten zwei Jahrzehnten stark umstrukturiert wurde: Die Lehrerausbildung wurde an die pädagogische Hochschule verlagert. Berufsmittelschulen wurden mit dem Ausbau der Fachhochschulen attraktiver.

Auch wenn in Graubünden weniger Jugendliche Mittelschulen besuchen, so schliessen prozentual doch mehr Jugendliche mit einer Matura ab, als noch vor zwanzig Jahren. Die Maturitätsquote liegt mit 18 Prozent nur noch leicht unter dem Schweizerischen Mittel von 20 Prozent. Und mittlerweile besuchen schon 16 Prozent der Bündner Jugendlichen eine Berufsmittelschule.

Prognose Schülerzahlen Mittelschulen

Zahlen gesamtkantonal anhand der Geburtenstatistik (Stand 01.09.2016) | Kanton Graubünden, EKUD, Amt für Höhere Bildung

Teures Mittelschulsystem

Aber das Mittelschulsystem in Graubünden ist eines der teuersten der Schweiz. Dies weil einerseits die Schulen dezentral organisiert sind, um den Kindern in den Tälern den Zugang zur Mittelschule zu garantieren und andererseits der Kanton die Dreisprachigkeit auch auf Mittelschulebene fördert. Die Kanti Chur bietet eine zweisprachige Matura Italienisch/Deutsch oder Romanisch/Deutsch an. Und an den privaten Mittelschulen wird teilweise in den Kantonssprachen unterrichtet. Dafür richtet der Kanton Sprachbeiträge aus.

Hauptsächlich finanziert der Kanton die Mittelschulen aber über die Schülerbeiträge. Pro Bündner Schülerin und Schüler richtet er einen jährlichen Beitrag zwischen 25'000 und 29'000 Franken aus. Je kleiner die Schule, desto höher dieser Beitrag.

Ftan und Zuoz: Konkurrenz der Internatsschulen

Das Hochalpine Institut in Ftan (HIF) mit 50 Bündner Mittelschülerinnen und -schülern erhält beispielsweise auf diesem Weg rund 1,4 Millionen Franken an Steuergeldern. Das HIF weist aber neben dem Bildungszentrum Ilanz die tiefste Zahl an Bündner Schülern auf. Das führte 2015 beinahe zur Schliessung.

Während der Mittelschulbetrieb am Bildungszentrum Surselva in Ilanz von einem breiten Schulangebot getragen wird, versucht sich das HIF seit der Krise als Internat im Viersterne-Bereich zu etablieren und bietet mittlerweile neben einer zweisprachigen privaten Sekundarschule auch ein 10. Schuljahr für Jugendliche aus der Region an. Das Institut in Ftan beschäftigt rund 50 Personen.

Überlebt hat das HIF unter anderem dank der Unterstützung der Gemeinde Scuol. Der Immobilienunternehmer und HIF-Verwaltungsratspräsident Jon Peer schoss zudem über die chinesisch-bündnerische Finanzierungsgesellschaft SCC-Group zwei Millionen Franken in die HIF AG. Diese sei mit fünf Millionen wieder solide finanziert, liess Peer im vergangenen Sommer verlauten.

Die SCC-Group soll dem Institut in Ftan Studenten aus dem asiatischen Markt vermitteln. Erste Resultate seien im kommenden Schuljahr ablesbar, sagt Peer. Wieviele Schüler aus dem Ausland das HIF besuchen, will er mit Verweis auf die Konkurrenz nicht sagen.

Internats-Schüler müssen in Ftan für ein Schuljahr zwischen 45'000 und 75'000 Franken bezahlten. Das Internat im Lyceum Alpinum Zuoz kostet zwischen 70'000 und 80'000 Franken im Jahr. In Zuoz können Jugendliche entweder eine einsprachige Matura, eine zweisprachige, italienisch-deutsche Matura oder zusätzlich auch das Abitur oder das Internationale Baccalaureate erlangen. Über die Hälfte der 267 Schülerinnen und Schüler am Lyceum macht einen internationalen Abschluss.

Dividenden nicht mit Steuergeldern finanzieren

Sowohl das Hochalpine Institut Ftan als auch das Lyceum Alpinum in Zuoz (78 Bündner Schüler) sind Aktiengesellschaften. Geht es nach dem Willen des Erziehungsdepartements, sollen private Mittelschulen im Kanton künftig nicht gewinnorientiert sein, wenn sie vom Kanton Schülerbeiträge erhalten. Damit soll verhindert werden, dass Steuergelder in die Dividenden der Aktionäre fliessen. Der Grosse Rat wird diesen Vorschlag im Oktober während den Beratungen zum neuen Mittelschulgesetz diskutieren.

Die dritte und grösste Mittelschule im Engadin, die Academia Engiadina, ist bereits heute eine nicht gewinnorientierte AG. Mittelschulrektor Ueli Hartwig sieht in den Vorschlägen zum neuen Mittelschulgesetz deshalb grundsätzlich auch kein Problem. Einzig die Regelungen um die Investitionspauschalen, welche der Kanton an die Schulen ausrichtet, könnten seiner Ansicht nach vereinfacht werden.

Die Mittelschule an der Academia in Samedan hat 235 Schülerinnen und Schüler. Daneben führt die Academia eine höhere Fachschule für Tourismus sowie ein Weiterbildungsinstitut. In den letzten Jahren machte sich die Academia mit ihrer integrierten Sportmittelschule einen Namen. Rund 100 Personen arbeiten im Betrieb und teilen sich 59 Vollzeitstellen. Für die Schüler aus den Tälern steht unter der Woche ein Wohnheim zur Verfügung.

Anna* (47) ist Unternehmens-Coach und Rechtsanwältin. Sie ist im Schams aufgewachsen und besuchte in den 80er und 90er Jahren die evangelische Mittelschule EMS in Schiers. Wegen der schlechten Verbindungen im öffentlichen Verkehr, wohnte sie damals im Internat. Nach der Matura studierte Anna in Bern. Heute arbeitet sie im Ausland für internationale Unternehmen.

Mietwohnungen im ehemaligen Internat

Als Anna in den 80er und 90er Jahren die EMS in Schiers besuchte, war das Internat mit über 180 Jugendlichen gut besetzt. Die EMS führte damals neben dem Gymnasium noch ein Lehrerseminar. Ein Fünftel der gesamten Schülerschaft kam aus anderen Kantonen. Aber in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre begannen die Kantone wegen der Finanzkrise die Stipendien zu streichen. So fehlten dem Internat in Schiers bald die ausserkantonalen Schüler und als 2003 das Lehrerseminar aufgehoben wurden auch noch die Bündnerinnen und Bündner.

Schiers spürt die Konkurrenz der Kanti Chur. Vor zehn Jahren zählte die EMS 550 Schülerinnen und Schüler. 40 davon wohnten im Internat. Heute besuchen noch 375 Jugendliche hauptsächlich aus dem Prättigau, der Herrschaft und dem Churer Rheintal die Schule. Das Internat wurde im vergangenen Jahr aufgehoben. Aus den Gebäuden wurden Wohnungen.

Die EMS beschäftigt 85 Angestellte. 70 davon sind Lehrpersonen, 15 arbeiten in Verwaltung und Betrieb. «Wir sind ein Unternehmen und müssen Geld erwirtschaften», sagt Rektor Christian Brosi. Die EMS ist als Verein organisiert und erzielt aus den umgebauten Liegenschaften mittlerweile einen Gewinn, der in den Schulbetrieb fliesst. Ihre Gebäude vermietet die EMS auch während den Ferien für Sportlager. Das spült jährlich zusätzliche 300'000 Franken in den Betrieb.

Schülermangel in Davos und Disentis

Vom Schülermangel betroffen sind auch die Mittelschulen in Davos und Disentis. An beiden Orten verschärft die Abwanderung der Bevölkerung die Situation. Aber zurzeit ist weder der Schulbetrieb in Disentis noch jener in Davos gefährdet, versichern die Verantwortlichen. Noch 180 Schülerinnen und Schüler (150 Bündner) besuchen gegenwärtig die Klosterschule Disentis.

Eine Zusammenlegung mit dem Bildungszentrum Ilanz sieht Rektor Roman Walker aktuell als eher schwierig. Für die Schule Ilanz komme eine Umsiedelung nach Disentis vermutlich kaum in Frage, sagt er. Die Klosterschule Disentis setzt daher intensiv auf die Strategie der Internationalisierung und bietet auch eine deutsch-englische Matura an.

Die Mittelschule Davos weist gegenwärtig 210 Schülerinnen und Schüler auf; 180 aus Graubünden. «Die Situation ist nicht ideal», sagt Severin Gerber, Rektor der Mittelschule Davos. «Kleine Klassen sind wohl gut für den Unterricht, aber teuer im Betrieb.» Eine Kooperation mit der Sportmittelschule Davos (136 Schüler, 65 Bündner) sei wegen der unterschiedlichen Stundenpläne und Ausbildungsdauer kaum möglich. Eine Zusammenarbeit mit der EMS Schiers drängt sich für die Mittelschule Davos aber offenbar auch noch nicht auf.

Sollte Tina sich in zwei Jahren für die Mittelschule entscheiden, stehen ihr viele Möglichkeiten offen. Je nachdem, wie der Grosse Rat im Herbst das neue Mittelschulgesetz ausgestaltet, erhalten Tinas Eltern vom Kanton sogar Unterstützung an die Internatskosten, sollte sie eine Mittelschule mit Internat besuchen wollen. Die Frage ist allerdings, ob bis dahin alle acht Bildungsinstitute noch bestehen. Sicher ist: Für den Kanton käme es billiger, wenn die italienisch-deutschsprachige Tina eine Mittelschule im Tessin besuchen würde. Dort kostet ein Schuljahr pro Schüler lediglich 15'000 Franken.

* Namen geändert


 

Bündner Mittelschulen: Ungemütlich für alle?

Johannes Flury ist ehemaliger Rektor der Pädagogischen Hochschule Graubünden. Bild: zVg

Johannes Flury ist ehemaliger Rektor der Pädagogischen Hochschule Graubünden. Bild: zVg

Die Landschaft der Bündner Mittelschulen ist für alle Beteiligten schwierig.

Für den Kanton, der laut Verfassung die dezentrale Besiedlung zu fördern und laut Gesetz ein dezentrales Mittelschul-Angebot bereitzustellen hat. Er möchte sich vermehrt Handlungsmöglichkeiten einräumen und wird dafür kritisiert, dass er damit die Handlungs- und Wirtschaftsfreiheit der Schulen begrenze. Es ist allerdings auch verständlich, dass er als Hauptfinanzierer Einfluss nehmen will, ist doch zum Beispiel eine Schule wie die EMS Schiers ohne ein Internat faktisch eine zweite Kantonsschule.

Für die Regionen und Gemeinden, die unter Druck sind, weil sie für ihre Weiterentwicklung ein nahe gelegenes Mittelschul-Angebot brauchen. Exemplarisch in Davos, wo die Forschungsinstitutionen für ihre Personalrekrutierung darauf angewiesen sind. Und diese Institutionen will Davos auf keinen Fall verlieren. Die Aufgabenteilung zwischen Kanton und Gemeinden sieht klar vor, dass für das Mittelschulwesen – im Gegensatz zu den Volksschulen – der Kanton die Verantwortung und die Finanzierung übernimmt. Stimmt das noch, wenn immer mehr Regionen und Gemeinden um Unterstützung angegangen werden? Und sind die Mittelschulen noch selbstständige Unternehmen, wenn sie ohne diese Infusionen nicht überleben könnten?

Für die Mittelschulen, die den Rückgang der Schülerzahlen im Kanton ungefiltert ertragen müssen, notabene auch die Kantonsschule. Und dies kombiniert mit einem veritablen Einbruch der Internatserziehung in den letzten zwanzig Jahren, ausser im Hochpreissegment. Und das Ausweichen auf ausländische Kundschaft ist nicht einfach, weil sich in aller Regel das Angebot dadurch vervielfachen muss, was wiederum auf die Rentabilität drückt.

Nicht für die Schülerinnen und Schüler, denn die Qualität darf sich sehen lassen, die Klassen sind kleiner geworden, die Konkurrenz wirkt sich positiv auf die Betreuung aus. Innovative Modelle werden ausprobiert, hoffentlich pädagogisch gut abgesichert.

Wie weiter? Es ist an der Zeit, Im Grossen Rat nicht nur einen Verteilkampf Zentrum – Peripherie zu führen oder eine Erhöhung der kantonalen Mittel zu erwirken, sondern eine Grundsatzdebatte zu führen: Was will, was kann der Kanton und was gibt der «Schülermarkt» her?

 

 

Bündner Mittelschulen vor dem Grounding?

Stefan Engler ist Bündner Ständerat und Mitglied des Bildungsrates des Gymnasiums Kloster Disentis. Bild: zVg

Stefan Engler ist Bündner Ständerat und Mitglied des Bildungsrates des Gymnasiums Kloster Disentis. Bild: zVg

Die Politik befasst sich aktuell mit der Zukunft der Mittelschulen im Kanton. Anlass dafür ist die beabsichtigte Totalrevision des Mittelschulgesetzes. Der erläuternde Bericht zur Vernehmlassungsvorlage (die Vernehmlassung dauerte bis 5. Februar 2018) beschreibt Entstehungsgeschichte und Struktur sowie den Handlungsbedarf im bündnerischen Mittelschulsystem. Zwischen den Zeilen liest sich der Bericht allerdings wie die Vorbereitung des Exit Szenarios für in Bedrängnis geratene private Mittelschulen.

Zutreffend ist, dass die sinkenden Schülerzahlen an den Mittelschulen, diese betriebswirtschaftlich und im Kerngeschäft selber, dem Bildungsangebot, vor Herausforderungen werden, welche selbst ein existenzbedrohendes Ausmass annehmen können. Dass der Kanton durch eine wirksame Aufsicht Mittelschülerinnen und Mittelschülern einen Abschluss ihrer Ausbildung unter regulären Bedingungen ermöglichen will, dagegen ist nichts einzuwenden. Auch nicht, dass er die Aufsicht und die Beziehungen zwischen Kanton und privaten Mittelschulen verbindlicher und verlässlicher gestalten will.

Etwas unter geht bei einer zu stark etatistischen Sicht aber, dass wer im Bildungswettbewerb steht, unternehmerischen Handlungsspielraum benötigt. Die Frage, wie die  acht regionalen Mittelschulen gestärkt werden könnten, um ein Grounding abzuwenden, darauf gibt der Bericht keine Antworten. Dass regionale Mittelschulen die regionale Wirtschaft und die Qualität eines Standorts stärken, wenn sie Arbeit und Wertschöpfung ermöglichen, ist bekannt. Daraus leitet sich die berechtigte Forderung ab, dass solche Schulen auch  regionalwirtschaftliche Förderung verdienen. Weil es sich bei diesen um private Dienstleistungsunternehmungen, getragen von Stiftungen, Vereinen, Aktiengesellschaften oder im Falle von Disentis vom Kloster, handelt, benötigen sie aber im Wettbewerb um Schülerinnen und Schüler gleich lange Spiesse wie mindestens ihre nationale Konkurrenz. Nebst einer hinreichenden und zweckfreien finanziellen Ausstattung ist ihnen im grösstmöglichen Umfang deshalb die Freiheit zu belassen, ihre Vorteile der höheren Flexibilität bei der Schaffung von neuen Bildungs(nischen)angeboten zu besetzen oder die individuelle Betreuung der Schüler zu nutzen. Das «Wer zahlt, befiehlt-Gebot» muss dort seine Grenzen finden, wo durch übermässige Reglementierung und Vorgaben solche Entwicklungschancen vereitelt werden.

Von den privaten Schulen ist hingegen einzuverlangen, dass sie vom Austausch mit der Referenzschule, der Kantonsschule in Chur, auch profitieren wollen. Gelegenheiten dafür gäbe es genug: etwa bei der Organisation und Durchführung von gesamtkantonalen Weiterbildungen der Lehrpersonen und Schulleitungen im Bereich der Schul- und Qualitätsentwicklung, der Förderung von Minderheitensprachen in Gemeinschaftsprojekten, in der Zusammenarbeit bei interdisziplinären Projekt- und Themenwochen in Schwerpunktbereichen, die die privaten Mittelschulen aufgrund ihrer unterkritischen Grösse nicht alleine führen können und selbst beim Austausch von Lehrpersonen.

Es sollte nichts unversucht gelassen werden, ein künftiges Grounding von Mittelschulen im Kanton abzuwenden. Gefragt sind die Politik, der Kanton und Regionen, wie auch die Schulträger selber, die  bewährte Architektur des Mittelschulsystems weiter zu entwickeln.

«Das Korsett des Kantons darf nicht zu eng sein»

Annemarie Perl ist Präsidentin der Academia Engiadina in Samedan. Bild: zVg

Annemarie Perl ist Präsidentin der Academia Engiadina in Samedan. Bild: zVg

Als eine der Mittelschulen in einer Randregion leisten wir unseren Beitrag an die «Berufsfitness» der Jugend unseres Einzugsgebietes. Dabei haben wir – wie aktuell etwa die Digitalisierung, das wirtschaftliche Umfeld - mit tiefgreifenden, rasanten und kaum noch vorhersehbaren Veränderungen zu rechnen. Um die Lernenden an ein vertieftes Verständnis ihrer Muttersprachen heranzuführen, bieten wir in Deutsch, Romanisch und Italienisch Immersionsunterricht an. Ebenso pflegen wir ein breites Angebot in Englisch.

Der demographisch-bedingte Rückgang der Schülerzahlen geht an die Substanz einiger Schulen, auch im Hinblick auf ein breites Angebot. Für die Zukunft wird von den privaten Mittelschulen vom Kanton erwartet, dass sie die Schulen in ihren Anstrengungen unterstützen, den demographischen Wandel aktiv anzugehen, so wie es das Regierungsprogramm 2017-2020 postuliert.

Die Bündner Kantonsschule und die 7 private Mittelschulen gehören zum Mittelschulangebot in Graubünden. Im Moment besteht ein Entwurf der Totalrevision des Mittelschulgesetzes. Mit dem vorliegenden Vorschlag liegt eine im Grundsatz sinnvolle und praktikable Regelung vor, welche der aktuellen Wirklichkeit der Bündner Mittelschullandschaft und ihren Problemen weitgehend entspricht. Weiter wird zwischen Schulen mit kantonaler Trägerschaft und privaten Mittelschulen unterschieden. Das ist sinnvoll, besuchen doch mehr als 50% der Mittelschüler und Mittelschülerinnen eine der privaten, regionalen Schulen. Nach wie vor muss die Kontrolle der Ausbildungsqualität im Zentrum stehen. Im Moment müssen sich jedoch die Schulleitungen oft mit zu vielen Dingen beschäftigen, die der eigentlichen und notwendigen pädagogischen Schulentwicklung nichts nützen. Diesem Trend sollte man Gegensteuer geben.

Die privaten Mittelschulen sind rechtlich und unternehmerisch selbständige Gebilde, welche das gesamte unternehmerische Risiko selbst tragen. Das heisst, das Korsett des Kantons darf nicht so eng sein. Diesen Schulen sollte man im unternehmerischen Bereich ein möglichst grosser Spielraum einräumen. Um den Verfassungsauftrag «achten auf eine dezentrale Mittelschullandschaft» erfüllen zu können, sollte das Gesetz keine Bestimmungen enthalten, die den Schulen eine optimale Betriebsstruktur, Unternehmensführung, Mittelbeschaffung sowie einen effizienten Mitteleinsatz erschweren oder gar verunmöglichen.

Die Randregionen müssen von der Kantonspolitik weiterhin gefördert werden, denn an vielen Bündner Mittelschulen wird sehr gute Arbeit geleistet und zudem haben sie in der Region eine wichtige, wirtschaftliche Bedeutung.