Lang lebe das tote Dorf

Am Anfang steht eine Provokation, nämlich diese: Das Bündner Bergdorf gibt es nicht mehr. Drei Entwicklungen belegen die Erosion seiner Identität. Erstens: Entvölkerung. Zweitens: Musealisierung. Drittens: Kommerzialisierung. Unschöne Worte für Erscheinungen, die sich längst, auf leisen Tritten und doch messerscharf, im Substrat unserer Dörfer festgesetzt haben. In dieser Ausgabe geht es darum zu entschlüsseln, was an dieser Provokation Überspitzung und was Realität ist. Vor allem geht es darum, eine Gretchenfrage zu diskutieren: Welche Zukunft für das Bergdorf? Gibt es sie überhaupt? Und falls ja – woher weht der Wind?

von Donat Caduff

 Donat Caduff ist visueller Gestalter und lebt in Zürich. Sein Buch  «  Das Hyperdorf – Guarda, Samnaun Dorf und das Outlet in Landquart als Dorfmodelle für Graubünden?»  ist kürzlich im Eigenverlag erschienen.  Bild: zVg

Donat Caduff ist visueller Gestalter und lebt in Zürich. Sein Buch «Das Hyperdorf – Guarda, Samnaun Dorf und das Outlet in Landquart als Dorfmodelle für Graubünden?» ist kürzlich im Eigenverlag erschienen. Bild: zVg

Das sich entvölkernde Dorf

Beginnen wir mit der Entvölkerung. Die Klage ist bekannt: zu wenig Arbeit, zu wenig Kinder, zu viele Alte. Das ist das Dorf der sogenannten Peripherie, das sich entvölkernde Dorf. Doch was zeigen die Statistiken tatsächlich? Wie haben sich die Bevölkerungszahlen von als „potenzialarm“ bezeichneten Ortschaften während der letzten Jahrzehnte entwickelt? Für diesen Bericht wurde der demografische Wandel zwischen 1980 und 2015 einiger Täler analysiert. Untersucht wurden: in der Surselva die Cadi, die Val Lumnezia und das Safiental; dann das Rheinwald und Avers; das Surmeir, ohne die touristischen Orte Savognin, Vaz/Obervaz und Lantsch/Lenz zu berücksichtigen; weiter Italienischbünden mit Ausnahme des Misox; sowie im östlichen Kantonsteil die Val Müstair und das Unterengadiner Valsot.

Bevölkerungsentwicklung peripherer Regionen im Kanton Graubünden

Erfasste Regionen gemäss Erläuterungen im Text. Quellen: Amt für Wirtschaft und Tourismus Graubünden / Bundesamt für Statistik

War da immer nur Malaise? Überraschung: Nein. Während der 1980er-Jahre verharrte die Bevölkerungszahl dieser Gegenden auf dem Stand von gesamthaft etwa 23'000 Bewohnern. Im Jahrzehnt danach ist sie gar gestiegen – praktisch in allen erwähnten Regionen, und das um rund 1500 Menschen. Seit der Jahrtausendwende sind die Zahlen aber gesunken. Auch das fast überall und dazu noch massiv – von 24'500 bis auf wenig über 22'000 Menschen im Jahr 2015. Ausgerechnet die beiden Musterschüler des sanften Tourismus erlitten dabei grosse Einbussen. Die Val Müstair verlor zwischen 2000 und 2015 13% seiner Bevölkerung, die Val Lumnezia gar knapp 20%. Einhergehend mit einbrechenden Geburtenraten.

Umso bemerkenswerter ist nun der gesamtbündnerische Kontext. Da bietet sich uns ein entgegengesetztes Bild: Wohnten 1980 noch 161'000 Menschen im Kanton, waren es 2015 gut 35'000 mehr. Dieser markante Aufschwung fällt erwartungsgemäss vor allem zugunsten des Churer Rheintals aus. Hat man in der Val Lumnezia verlernt, wie man Kinder zeugt, während die Emser Kinderkrippen eröffneten? Wohl kaum. Doch weshalb die grosse demografische Trendumkehr der Peripherie, während die Tallagen boomten? Und das ausgerechnet um die Jahrtausendwende?

Zunächst setzte ab den Neunzigerjahren ein verstärkter Sog vom Berg ins Tal ein. Gewiss war er schon zuvor spürbar, doch spitzte er sich danach zu: in Regionalzentren wie Ilanz oder Thusis wurden Einkaufszentren eröffnet oder vergrössert und in den Bergdörfern Läden geschlossen. Vielerorts wurden Umfahrungsstrassen angelegt und bestehende Strassen ausgebaut. Dadurch konnten Pendlerdistanzen verkürzt und die Gewerbezonen der Regionalzentren erweitert werden. Neue Arbeitsplätze entstanden. Der Kranz von Nordbündens Täler rückte deutlich näher an Chur. Die Folge: Der Bergler zog ins Tal. Nicht weil der Berg unattraktiver wurde. Sondern das Tal attraktiver.

Gerade bessere Verkehrsanbindungen haben sich für die Peripherie als Triebfeder der Entvölkerung erwiesen. Längst haben sich die damit verbundenen Hoffnungen eines Bevölkerungsaufschwungs zerschlagen. Beispiel Vereinatunnel: Die Eröffnung der neuen Verbindung im Jahr 1999 vermochte der Bevölkerungsentwicklung im Unterengadin und in der Val Müstair, verglichen mit den zwei Jahrzehnten zuvor, kaum Auftrieb zu verleihen. In der Val Müstair setzte die Trendwende vom demografischen Anstieg zum Rückgang just dann ein, bevor das Bauwerk eröffnet wurde. Auch im Safiental oder Avers ein vergleichbarer Wandel: Immer bessere Strassen für immer weniger Bewohner. Für Mutten wurde 2006 eine komplett neue Verbindung eröffnet. 2015, neun Jahre später, lebten in der Walsersiedlung so wenig Einwohner wie seit Jahrzehnten nicht mehr: 72 Menschen. Kostenpunkt der Strasse: 35 Millionen Franken.

«Der Bergler zog ins Tal. Nicht weil der Berg unattraktiver wurde. Sondern das Tal attraktiver.»

Wie nun reagierte die Politik auf diese Entwicklungen? Bis kurz nach der Jahrtausendwende wurde in manchem Bergdorf eine neue Mehrzweckhalle errichtet (etwa im später fusionierten Tschlin). Ein neues Schulhaus (etwa im später fusionierten Uors/Suraua). Oder ein neues Gemeindehaus (etwa im später fusionierten Tinizong). Hier wirkte eine Politik, die gewillt war, das Selbstbewusstsein auch kleinerer Gemeinden zu stärken. Eine Politik, die bereit war, dafür finanzielle Opfer zu erbringen.

Doch frisch bezogen, wurden viele öffentliche Bauten schlagartig nutzlos: nicht nur als Folge rückläufiger Bevölkerungszahlen. Sondern auch als Folge eines politisch gewollten Effizienzdrucks. So wurden etwa Schulen zusammengelegt, um Kosten zu optimieren. Oder Postämter unter dem Druck der Liberalisierung geschlossen. Einer der wohl grössten Einschnitte zeichnete sich mit einer beispiellosen Welle von Gemeindefusionen ab. Dank finanzieller Anreize des Kantons wurde die Anzahl Gemeinden von 212 (2000) auf gegenwärtig 112 beinahe halbiert. Und die Bündner Regierung ist fest entschlossen, diese Strategie fortzusetzen.

Entvölkerung könnte also auch das Resultat einer Politik sein, die zwar die Subzentren der Peripherie aufgewertet hat, aber die zahlreichen feinen Fasern der hinteren Täler genau diesem Zentrumsdruck aussetzt. Und das bewusst: In der Fusionsstrategie der Bündner Regierung von 2010 taucht ein Begriff auf, der bis dato in den kleinen Amtsstuben von Bündens Dörfern kaum zu vernehmen war: Der «Standortwettbewerb» der Gemeinden. Diese sollten offenbar wie kleine Unternehmen konkurrieren und so mithelfen, die Wirtschaft auch entlegener Täler anzukurbeln.

Allerdings lehren Realität und Statistiken eines: Dieser Wettbewerb bietet ressourcenstarken Talgemeinden die besseren Voraussetzungen als strukturschwachen Berggemeinden. Wer diesen Wettbewerb verliert, wird schon klar, bevor er spielt. Unbesprochen bleibt im 100-seitigen Strategiepapier der Regierung denn auch die Gefahr der Entvölkerung. Es ist rein finanzpolitischer Natur.

In den letzten Jahren betonte die Bündner Regierung wiederholt, an der dezentralen Besiedlung Graubündens festzuhalten und sich auch um die entlegenen Gebiete zu kümmern. Gleichzeitig haben politische Entscheidungsträger – lokal wie national – ökonomische Aspekte zunehmend höher gewichtet als das oft beschworene Bekenntnis zur Peripherie. Längst wurde es unter den Zwängen einer neoliberalen Politik – fusionieren, liberalisieren, Kosten optimieren – zur Makulatur.

Das musealisierte Dorf

Soweit die politische Ausgangslage. Nun gibt es viele Auswege, der Entvölkerung entgegenzusteuern – oder sie wenigstens zu kaschieren. Oft verwandelt sich das entvölkerte Dorf dabei in einen neuen Typus: in jenen des musealisierten Dorfs.

Das Dorf als 'Museum' ist ein ebenso greifbares wie heikles Sinnbild. Hier helfen Statistiken kaum weiter. Und doch weiss jeder, was damit gemeint ist. Ein schönes Dorf ist gut. Ein museales Dorf hingegen ist schlecht, obwohl es auch schön ist. Denn leben soll das Dorf; das Museum hingegen steht für Nostalgie, Kapitulation, Tod. Da können herausgeputzte Sgraffiti, sorgfältig gepflasterte Gassen und urchige Schindeldächer nichts ausmachen – im Gegenteil, sie verstärken noch das Misstrauen des kritisch umherblickenden Touristen.

Nehmen wir das Beispiel von Guarda, einem Prototyp des intakten Bündner Dorfs. Dort wehrt man sich gegen das hartnäckige Image des Musealen: «Guarda hätte das Potenzial eines Freilichtmuseums. Doch hier wird gelebt!», beteuert Thomas Lampert, Präsident des Verkehrsvereins von Guarda, 2015 in einer Tourismusbroschüre. «Kein Museum» – so auch der Gemeinderat und Architekt Roger Vulpi. Ebenfalls sagt Ulrich Könz, der 1980 verstorbene legendäre Dorfrestaurator Guardas: «Unser Dorf soll nicht zum Museum werden!» Dennoch zeigt sich etwa der Architekturkritiker Benedikt Loderer ernüchtert. Er bezeichnet Guarda als «Schmucktruckli». Mit sarkastischem Unterton.

Musealität scheint also emotional aufgeladen zu sein. Finden wir auch sachlichen Aufschluss dazu? Zumindest für das Fallbeispiel Guarda hilft der 2008 verstorbene Geograf Urs Frey: «Guarda ist zu 50% museal.» Zu dieser statistisch prägnanten Bilanz gelangt er in einer Untersuchung zu den Kulturlandschaften Soglios und Guardas, herausgegeben 1994. Doch lässt sich Musealität so genau beziffern? Frey ging der Frage nach, welche Bauten veränderten Nutzungen zugeführt wurden: Wo aus dem historischen Bauernhof eine Ferienresidenz wurde, aus dem alten Stall eine Wohnung. Indes gesteht auch Frey ein, dass die Quantifizierung von Musealität «geradezu absurd» sei.

Doch trifft Frey einen wahren Kern – das musealisierte Dorf ist nicht einfach tot. Das Problem des Museums ist nicht, dass sich hinter restaurierten Fassaden kein Leben mehr regen würde. Das Problem ist vielmehr, dass das neue Leben hinter der Fassade die Fassade künstlich wirken lässt. Das hat mit der Lebensweise einer Gesellschaft zu tun, die mit den zivilisatorischen Fortschritten der Industrialisierung, Arbeitsteilung und Digitalisierung gesegnet ist. Es gibt immer weniger Bauern, dafür mehr Maschinen, überall Internet, und der Einheimische, der jeden Tag ins Tal pendelt, benutzt das Auto. Darin passt praktischerweise auch der Grosseinkauf. Nur: Überflüssig geworden sind damit die jahrhundertelang gewachsenen Siedlungskonzepte vorindustrieller Bauerngesellschaften und ihre wirtschaftlichen Strukturen. Die alten Dörfer sind uns, der Nachwelt, als historische Überbleibsel nun überliefert. Es gilt jetzt, aus diesem Baukasten etwas Sinnvolles zu machen.

Das kommerzialisierte Dorf

Von da ist es nicht weit zum kommerzialisierten Dorf. Es stellt das musealisierte Dorf im fortgeschrittenen Stadium dar. Allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Das musealisierte Dorf manifestiert sich in dem, was im Realraum sichtbar ist. Das kommerzialisierte Dorf aber führt sein Eigenleben zunehmend in einer virtuellen, schnelllebigen und flüchtigen Welt.

Dafür spricht eine in den letzten Jahren massiv verstärkte Präsenz des Dorfs in den Massenmedien. Das Konzept «authentisches Bergdorf» ist zum Liebling der Medienwelt und des Tourismus geworden. Davon zeugen Fernsehsendungen, Werbekampagnen, Reportagen und Wettbewerbe («schönste Dörfer», «schönster Dorfplatz»). Diese heile Welt widerspiegelt sich in Zeitschriften mit Namen wie «Landlust» oder «LandLiebe» und in TV-Formaten wie «SRF bi de Lüt», «Landfrauenküche» oder «Bauer, ledig sucht…». Ein sinnfälliges Beispiel liefert uns auch der Detailhändler Volg. Das Unternehmen inszeniert seit 2014 eine bildwirksame Kampagne namens «Im Dorf daheim». Darin werden Orte wie Vella, Fläsch oder Tenna in Zeitungsinseraten und auf Güterwaggons zu landesweit präsenten Werbeträgern.

Nicht zu vergessen: Eine Welle von Events ist in den letzten Jahren über das Dorf hereingebrochen. Deren Konzepte bestehen beispielsweise aus der Nachbildung von Vergangenheit. So konnte man 2016 in Savognin Outdoor-Lichtprojektionen von Giovanni Segantinis Gemälden an einer Kirche bestaunen. In der Altstadt von Ilanz buhlen die Mittelalterfigur Anna Catrina oder – aktuell – Reformationsspiele um ein zahlreiches Publikum. Das Dorf (in Ilanz natürlich das Städtli) ist dabei zur Open-Air-Bühne für Inszenierungen geworden.

Mit dem Konzept der Inszenierung verwandt ist jenes des Erlebnisses. Auch es will mit dem Charme des übersichtlich Dörflichen Geld verdienen. Das Erlebnis ist dabei bereits Teil der Wortmarke: Von der Erlebnisgastronomie (zum Beispiel in Morissen) über den Erlebnisbauernhof (zum Beispiel in Pany) oder die Erlebniskäserei (zum Beispiel in Lenzerheide) bis hin zur Erlebnisburg (zum Beispiel in Alt-Finstermünz).

Eine weitere Strategie des kommerzialisierten Dorfs zielt auf das lokale Brauchtum. Ein Brauch wird dabei so lange verformt, bis er zum Event wird. Der Chalandamarz wird zu diesem Zweck auch mal am 1. August durchgeführt – als Gästeattraktion im Europa-Park. Mit echten Kindern aus dem echten Guarda. Und in Klosters hat das Ortsmarketing zum Auftakt der Wintersaison die sogenannte Sächsi Schälläta erfunden – ein Hybrid des Chalandamarz und des Sechseläutens (die beide eigentlich die Wintersaison vertreiben sollen). Seit 2015 wird das Ereignis jährlich wiederholt. Absicht der Veranstalter: Das Vorweihnachtsgeschäft ankurbeln.

«Entvölkerung könnte also auch das Resultat einer Politik sein, die zwar die Subzentren der Peripherie aufgewertet hat, aber die zahlreichen feinen Fasern der hinteren Täler genau diesem Zentrumsdruck aussetzt.»

Soweit ein unvollständiger Überblick seriöser bis skurriler Anstrengungen zur Kommerzialisierung von Dörfern. Worum gehts? Vermarktbar gemachte Sehnsüchte gehören mittlerweile zum festen Bestandteil der dörflichen Alltagsrealität. Im TV-Programm oder im Online-Veranstaltungskalender bequem abrufbar. Zuverlässig drängt sich dabei ein Zauberwort in den Vordergrund: Authentizität. Doch verfälscht das kommerzialisierte Dorf nicht genau jene Echtheit, die vermittelt werden soll?

Alternativen für Graubünden?

Hier soll klargestellt werden: Kommerz muss nicht schlecht sein. Menschen finden dadurch Erwerb. Das Image eines Dorfs wird gefördert. Kultur gelebt. Alles gut und recht. Doch droht dabei nicht eine gewisse Einseitigkeit kommerzieller Denkmuster? Wäre in der Lebensgemeinschaft eines Dorfs stattdessen eine Tiefe möglich, die – frei nach Gion A. Caminada – zu Erfahrungen statt zu Erlebnissen anregt? Gefragt wäre dann, Oberflächliches durch Reflexion zu ersetzen, die Kultur nicht nur konsumieren, sondern auch hinterfragen lässt. Gefragt wären dann Impulse, die die Menschen in den Dörfern nicht nur zur Frage auffordern, wovon gelebt werden soll. Sondern auch: nach welchen Idealen.

Die Kinderzeichnungen in diesem Beitrag stammen vom Autor. Sie entstanden anfangs der 1990er-Jahre im Alter von 10 bis 12 Jahren und zeigen erfundene Fantasiedörfer, inspiriert von zahlreichen Reisen in Bündner Dörfer.

Alle Zeichnungen: Copyright Donat Caduff

So abstrakt das alles nun klingen mag: Wegweisende Bewegungen dazu machen sich durchaus bemerkbar. In den letzten Jahren sind in Graubündens Dörfern einige Dutzende von Vereinen entstanden, die es in dieser Form noch nie gegeben hat. Sie schicken sich an, ihre Dörfer zu erneuern. In allen Belangen, kulturell, wirtschaftlich und sozial. Sie tragen Namen wie Valendas Impuls, Susch avegnir, Aktives Molinis, Viva Pignia, Freunde von Schmitten, Bun Tschlin oder Pro Cumbel: Bezeichnungen, die Optimismus und Aufbruch versprühen. Unter der Regie dieser Erneuerer werden Diskussionen geführt, Dorfkerne revitalisiert, Ausstellungen organisiert, Wanderwege instandgesetzt, wird die lokale Geschichte erforscht oder dem lokalen Gewerbe zu einem gemeinsamen Marktauftritt verholfen. Hier sind nicht buchhaltende Amtsträger, sondern leidenschaftliche Ehrenamtliche am Werk. Ihre Bewegungen feuern an, ihre Ansinnen stiften Identität. Auch in Guarda darf die Freiwilligenorganisation Pro Guarda auf Erfolge zurückblicken: Zum Beispiel wurden mehrere historische Bauten der Spekulation entzogen und konnten an zuziehende Familien und Gewerbetreibende vermittelt werden. Zudem setzte sich die Stiftung für den Erhalt des Dorfladens ein. Im Jahr 1980, als die Fundaziun gegründet wurde, wohnten im Ort 134 Menschen. 36 Jahre später sind es 207.

Was lernen wir von den Erneuerern? Sie zeigen, dass die Entvölkerung nicht einfach so hingenommen werden will. Sie holen das Dorf aus dem Tiefschlaf des Musealen. Und sie mischen die Einseitigkeit des Kommerzes mit kulturellen Aktivitäten auf. Daraus entsteht vor Ort ein Ganzes, das sich in Ämtern und Hochschulen üblicherweise in akademischem Spezialistentum verliert: Wirtschafts- und Kulturförderung, Raumentwicklung und Wiederbelebung aus einem Guss. Eine Frage bleibt: Gelingt es den Dorferneuerern, auch auf überkommunaler Ebene, in Politik und Wirtschaft an Einfluss zu gewinnen? Als Alternative zu den gängigen neoliberalen Strategien von «Wachsen oder Weichen»?

 

 

Es lebe das Bündner Bergdorf!

 Barbara Janom Steiner ist Finanzdirektorin des Kantons Graubünden.  Bild: zVg

Barbara Janom Steiner ist Finanzdirektorin des Kantons Graubünden. Bild: zVg

Der Autor Donat Caduff sucht Argumente und Schuldige, welche für den, seiner Meinung nach, Niedergang des typischen Bündner Bergdorfes verantwortlich gemacht werden können. Wenn es ihm ums Provozieren ging, dann ist ihm dies gelungen. Eine Replik!

Graubündens Täler und Dörfer haben seit Menschengedenken mit der Abwanderung zu kämpfen. Das ist die Realität. Im Vordergrund dieser Entwicklung standen früher wie heute meist die wirtschaftlichen Perspektiven, welche andernorts mutmasslich oder real besser sind. Die Schuld nun den besseren Verkehrsanbindungen zu geben, scheint mir beinahe zynisch zu sein. Die Bündner Politik nimmt den verfassungsmässigen Auftrag ernst, die dezentrale Besiedlung aufrecht zu erhalten. Deshalb lässt sie Siedlungen erschliessen, deshalb unterstützt sie die Erstellung kommunaler Infrastrukturen, deshalb leistet sie Beiträge an die Kultur. Wenn nun heute nicht mehr in jedem Dorf ein neues Schulhaus, ein neues Verwaltungszentrum oder eine grosse Mehrzweckhalle errichtet wird, so hat das mit einer gesellschaftlichen Entwicklung vor Ort zu tun. Ebenso hat die Zusammenlegung von Schulen nicht nur mit harten Fakten zu tun, sondern insbesondere mit demographischen, pädagogischen, sozialen und qualitativen Aspekten. Ebenso mit dem Akzeptieren der Realität zu tun haben die zahlreichen strukturellen Reformen, allen voran die Gemeindefusionen. Fusionen sind nicht der Grund für Abwanderung, sondern lediglich eine von verschiedenen Massnahmen für das weitere Überleben. Die Fusionsstrategie in Graubünden hilft hier mit, dass grössere Einheiten selbständig und selbstbewusst in die Zukunft gehen können. Dass diese Strategie aufgeht, zeigen jene Gemeinden im Kanton, welche schon seit Jahrhunderten einen gemeinsamen Weg gehen: Davos, Sumvitg, Poschiavo oder Luzein als Beispiele. Die Dörfer in unserem Kanton leben auch nach einer Fusion weiter. Der Autor korrigiert seine Argumentation selber, indem er die potenzielle Kraft von Interessengemeinschaften betont.

Wenn nun die Gemeinschaften nach neuen Wegen suchen, ihre Dörfer touristisch zu positionieren, um sie wirtschaftlich überlebensfähig zu machen, ist dies nicht zu verurteilen! Wenn die Verantwortlichen vor Ort sich der eigenen Zukunft stellen, ist ihnen Respekt zu zollen und sind sie darin zu unterstützen. Dies macht die Bündner Politik seit jeher und auch in Zukunft. Diese Protagonisten vor Ort gegen die unterstützende Politik ausspielen zu wollen, sollte nicht das Ziel seriösen Journalismus sein.

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Donat Caduff

 Hansruedi Schiesser ist Regionalplaner, Projektentwickler und Wirtschaftsjournalist sowie Vizepräsident von Graubünden Ferien.  Bild: zVg

Hansruedi Schiesser ist Regionalplaner, Projektentwickler und Wirtschaftsjournalist sowie Vizepräsident von Graubünden Ferien. Bild: zVg

Da bin ich doch beruhigt: alles noch wie früher. (Ich hab schon in den 70er Jahren Entwicklungskonzepte für potenzialarme GR-Regionen verfasst.)

Das Steinbock-Lust-Ländli-Image ist doch gut. Die Gäste kommen aus fußläufiger Entfernung zu den authentischen Bergler-Lofts, wo Gian den lukrativen Wildhüter-Job per Home-Office erledigt, und Giachen mit sülzigfröhlicher Radioweck-Stimme den Winner spielen darf. Ja, bei uns spielen Männer. Und die Touristen beneiden uns um unsere Superlandschaft, müssen aber bestenfalls eine Woche bleiben, das ist ihr Glück.

Momoll, wir haben ganz tolle Unternehmen in Graubünden. (Einige sind leider etwas bettlägerig…) Die brain-drainigen Jung-Bündner fahren aber davon… Abgehen ist angesagt, wie eigentlich auf der ganzen Welt. Die billigen, jungen Portugiesen fehlen dafür daheim. Klar, man muss nicht immer an den Rändern sparen, immer zuerst die Fransen abschneiden, als ob die das Problem wären, wenn der Teppich die (Kopf)-Motten hat. – Gut, vielleicht bekommen wir ja noch mehr von diesen eidgenössischen Wrack-Prämien sprich Mitleids-Finanzausgleich…

Inzwischen ist das alles rundgelutscht (ein Capuns-Rezept dazu gits nit) und schon gar nicht mit irgendwelchen Top-Down–Strategien zu lösen. Der Hebel mit den Amts-Brechstangen bringts nicht ganz: Etwas Gemeindefusionen. Etwas sanft-touristische Destinationswursteleien. Etwas Markengedaddel: büachliperfekt vermarktet (auch wenn bei den Gastgebern nicht mehr viel stimmt).

Mit Bergbahndirektor-Prosa oder Sport-Eventitis können wirs auch nicht auffangen. – «Negativen Mindset» nennt mans. – Sie merkens nicht mehr… sie sehen kaum mehr den Puck. Nicht die Land-Bündner, eher die Leader. Hören sie mal dem Grossen Rat zu: Pannendienst-Rezepte und Klientelpolitik. Achtzig Prozent sind selber im potenzialarmen Aggregatszustand als seien sie schon in den Achtzigern in Rente geschickt worden…

Und ja, Musealisierung ist nicht schlecht, Kommerzialisierung auch nicht immer. Nur, das schlimmste ist, dass man dies für eine Provokation hält. Weil wir doch soooviele Berater haben, die immer wieder mit Steuergeldern in Rentnerbingo spielen dürfen…

Vielleicht müsste man mal so eine Art Denk-Firewall dagegen installieren: Mit Falsifizierungs-Software für unseren SO-Mediakonzern und seine verdooftes Publikum… und vorsichtige Upgrades für Politiker mit Loser-Grosshirnrinde.

Es geht nicht darum, wo der Puck ist, sondern wo er sein wird. – Lancieren wir doch einen kantonalen Impotenztag für die Kopfwäsche…eine Emotherapie mit dem Thema: «Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende.» – aber bitte nicht mit dem immergleichen GR-Pannenservice.

 

 

«So ist es schon sehr gut»

 Tim Krohn ist Schriftsteller und lebt in Santa Maria. Der Text ist seine Rede zur 1. August-Feier der Val Müstair von 2016.  Bild: zVg

Tim Krohn ist Schriftsteller und lebt in Santa Maria. Der Text ist seine Rede zur 1. August-Feier der Val Müstair von 2016. Bild: zVg

Chars preschaints – ich spreche Hochdeutsch, weil die Gemeinderätin, die mich eingeladen hat, darum bat, aus Respekt vor den Gästen im Tal. Und weil meine Zeit noch nicht gereicht hat, um Romanisch zu lernen.

Vor drei Jahren wussten meine Frau und ich nichts, aber buchstäblich nichts übers Münstertal. Wir hatten vor, in der Surselva ein kleines Haus zu bauen, in Vals. Doch eine Kette unglücklicher Umstände verzögerte das Projekt immer wieder, und irgendwann sagte meine Frau: «Sieh doch mal im Internet nach, ob es nicht anderswo ein günstiges Haus mit einem schönen, grossen Garten für die Kinder gibt.» In Santa Maria gab es eines, das seit Jahrzehnten leer stand. Der Makler hatte über die Anzeige geschrieben: «Kommt drauf an, was man daraus macht.» Das klang schon recht gefährlich. Der Architekt, den wir zur Besichtigung mitnahmen, lachte auch nur und sagte: «Wenn ihr euch das aufhalst, spinnt ihr.» Es war Januar 2014, der Schnee stand so hoch, dass vom Garten nichts mehr zu sehen war. Das Haus war gegen 400 Jahre alt, ungeheizt, verdreckt, finster, vollgestopft mit Kram. Und es war nicht ein Haus, es waren zwei, dazu ein Anbau, in dem einst die Kantonalbank untergebracht gewesen war, zwei grosse Ställe und ein Hühnerstall. Die Wohnfläche war fünfmal so gross wie die, die wir in Vals gehabt hätten. Und der Eigentümer wollte nur alles oder nichts verkaufen.

Wir fragten Freunde, was sie von der Idee hielten, wenn wir ins Münstertal zögen. Einige hatten Bruno Molls Film «Quels da Lü» gesehen und sagten: «100 Prozent SVP, da zieht ihr noch besser in den Aargau, da seid ihr wenigstens nicht so weit weg, wenn ihr euch an unserer Schulter ausweinen wollt.» Anderen waren vielleicht einmal durchgewandert. Doch alle erklärten: «Das ist am Arsch der Welt, ihr seid verrückt, wenn ihr dort hinzieht.» Nur eine Freundin, die spätere Hebamme unserer Tochter, eine Unterengadinerin, sagte: «Das Münstertal ist wunderbar. Viel besser als das Engadin. Wärmer. Freundlicher. Und die Häuser kosten die Hälfte.»

Zur SVP haben wir keine Berührungsängste, auch wenn wir politisch anders ticken. Ich bin in den Bergen aufgewachsen, im Glarnerland, dort ist die SVP auch stark, und es sind durchaus Menschen, mit denen man reden kann. Der Ständerat This Jenny etwa, unter Glarnern der Stecken-This genannt, war dafür bekannt, dass er in Bern manchmal linker politisierte als mancher SP-Rat. Warum sollte es hier anders sein. Auch dass das Münstertal am Arsch der Welt liegt, mag zwar stimmen, doch was für ein hübscher Arsch! Und inzwischen wissen auch unsere Freunde: Eine Reise aus dem Mittelland nach Santa Maria sollte man nicht in Stunden messen. Die Zugfahrt dem Zürichsee entlang, danach dem Walensee und durchs Prättigau, ist wunderschön, die Passagiere sind freundlich, man kann, wenn man denn muss, unterwegs bequem arbeiten. Und die Busfahrt durch den Nationalpark ist gar keine Reise mehr, sondern jedes Mal ein Geschenk. Und dann: wie nah ist Bozen, Venedig! Das Münstertal ist Süden, das fühlt man, und wer auch nur zwei Tage bei uns verbringt, fährt heim, als kehre er von grossen Ferien zurück.

Wir haben nie, nicht für einen Augenblick, bereut, hierhergekommen zu sein. Ein Jahr lang haben wir das Haus mit Handwerkern aus dem Tal geteilt, die es renoviert haben. Wir haben mit ihnen Znüni und Zvieri gegessen und ganz vieles über das Tal gelernt. Vor allem aber haben wir überaus herzliche und liebenswerte Menschen kennengelernt. Unser Schreiner aus Lü gehört inzwischen fast zur Familie. Unser Sohn, der eins war, als wir kamen, schreinert bis heute pausenlos. Unsere Tochter übrigens ist im Tal geboren, bei uns zuhause, dank jener Engadiner Hebamme, die zwei Wochen lang bei uns wohnte und mit uns auf das Kind wartete. Diese Erfahrung hat uns mit unserem Haus nochmals ganz anders verbunden. Es ist wunderbar, sich einzureihen in eine vierhundertjährige Geschichte von Kommen und Gehen, Geborenwerden und Sterben. Und das Haus hat inzwischen genau die richtige Grösse. Kaum hatten wir es gekauft, verloren meine Schwiegereltern ihre Wohnung in Sankt Gallen, in der sie zwanzig Jahre gelebt hatten, und zogen kurzerhand zu uns. Meine hochbetagte Mutter haben wir bei uns aufgenommen. Und wenn wir auch vielleicht nie ganz dazu gehören werden, unsere Kinder werden es tun, und wir, meine Frau und ich, werden alles tun, um mitzuhelfen, dass das Münstertal auch für die nächsten Generationen ein so wunderbarer Ort bleibt.

Denn auch davor hatte man uns gewarnt: «Das Münstertal stirbt aus», hiess es. «Ihr zieht aufs Abstellgleis.» Und ein paar Leute mit Geld, die ich motivieren wollte, in dieses Tal zu investieren, sagten ziemlich direkt: «Das wäre herausgeworfenes Geld. Das Münstertal lassen wir sterben.»

Doch wer so spricht, hat hier nie gelebt. Dieses Tal und dieser Ort sind ungemein wertvoll für die Schweiz. Wenn überall nur noch auf Effizienz, Profit und Angepasstheit geschaut wird, sind Täler wie das Münstertal, Täler mit verträumten, bescheidenen und auf ihre kleine Aufgabe fokussierten Menschen, wie Oasen in der Wüste. Ich war an vielen Orten, aber nirgends schienen mir die Leute so hingegeben ihrer Aufgabe, so uneitel und arbeitsam. Die Kinder – an Kindern sieht man doch am besten, wie es um eine Gesellschaft bestellt ist – die Kinder sind aufrichtig, selbstbewusst, entspannt und begabt, oder sagen wir anders, sie wissen, wo sie stehen und wie sie ihre Begabungen nutzen können. Wir freuen uns darauf, unsere Kinder gemeinsam mit ihnen aufwachsen zu sehen.

Nicht umsonst zieht es immer mehr Kunstschaffende hierher. Lange Zeit war das Engadin ihr Ort, erst das Oberengadin, dann, als es zu schick und oberflächlich wurde, das Unterengadin. Jetzt sollen auch dort ultraschnelle Glasfaserkabel eingezogen und die Wirtschaftseliten angezogen werden. Und die Hotellerie soll ihnen dienen.

Etwas Besseres kann uns nicht passieren. Denn nun wird das Münstertal zu jenem Ort, den die Menschen aufsuchen, wenn sie in Freiheit denken können wollen, wenn sie Ruhe und Raum suchen. Nicht nur, weil hier Wohnraum günstig ist, sondern weil die Münstertaler noch genug Mensch, genug verträumt und in sich selbst geborgen sind, um jeden zu verstehen, der fantasiert, der dichtet, malt, Flöte spielt oder einfach nur in einer Wiese sitzt und staunt. Und kommen die Künstler, kommen auch ganz viele Menschen, die all das zu schätzen wissen, was das Münstertal besonders macht. Ihr müsst euch nicht verändern, der Ort ist gut, wie er ist, davon bin ich überzeugt. Im Gegenteil, irgendwann wird es sich auszahlen, dass ihr euch nicht jeder Mode, jeder Angst und jeder oberflächlichen Verlockung hingegeben habt. Manche Leute sagen: «Die Münstertaler sind zu träge.» Denen sage ich, Gott sei Dank, ist das so. Die Trägheit hat uns schon vor viel Unsinn bewahrt.

Vielleicht denkt ihr jetzt, die Krohns wissen einfach noch zu wenig über die finsteren Seiten des Zusammenlebens in diesem Tal. Ich komme wie gesagt selbst aus einem Bergtal, ich weiss um die Gräben zwischen Dörfern, zwischen Familien oder Konfessionen. Die Frage ist doch aber, ob diese Gräben das Zusammenleben bestimmen. Vielleicht erweckt meine Rede auch den Eindruck, als hätten wir selbst hier oben noch nichts Schwieriges erlebt. Doch, haben wir. Nur nichts, das wir nicht auch anderswo hätten erleben können.

Und eine Erfahrung im Besonderen hat mich davon überzeugt, dass der Grund, auf dem die Münstertaler Gesellschaft baut, gut und stark ist. In Vals war ich bei einer Gemeindeversammlung, an der über den Verkauf der berühmten Therme und eines Hotels an Privatinvestoren beraten wurde. Es wurde gestritten, Menschen wurden blossgestellt, und als die Leute nach der Veranstaltung nach Hause gingen, wurde geschwiegen. Alle gingen stumm nach Hause, weil niemand wollte, dass sein Nachbar hört, was er denkt.

Und ich war an der Orientierung hier in Santa Maria über die Nutzung der Chasa Muntanella als Heim für Menschen, die vor Krieg und Gewalt in ihren Ländern fliehen. Ich wusste, dass es Münstertaler gibt, die noch nie mit jemandem anderer Hautfarbe gesprochen haben. Es gab deshalb auch viele Fragen, die unnötigen Ängsten entsprangen. Doch als zuletzt der Gemeindepräsident sagte: «In erster Linie kommen Menschen, und wir wollen sie wie Menschen behandeln und willkommen heissen», wurde nicht nur sehr herzlich applaudiert. Danach wurde auch gelacht, die Leute unterhielten sich auf dem Heimweg, und egal, ob sie dafür oder dagegen geredet hatten, sie gaben einander die Hand und verliessen den Saal gemeinsam.

Das war grossartig. Das ist, wie die Schweiz sein soll und immer sein wollte. Und es hat sich bezahlt gemacht. Ich werde nicht mehr darauf angesprochen, wie Lü wählt, ich werde darauf angesprochen, dass ein kleines, schrumpfendes Bergtal seine Türen für Menschen in Not öffnet. Viele Junge aus dem Tal sind gegangen, weil sie anderswo ein besseres Leben haben. Andere Junge sind gekommen, wenn auch nur für eine gewisse Zeit. Aber es ehrt das Münstertal, wie ihr sie aufnehmt, es ehrt euch, dass ihr nicht vergesst, wie nah das Leid ist, und es macht diesen Ort noch mehr zu einem besonderen Ort.

Die Menschen, die in Valchava beherbergt werden, sind übrigens auch gute Menschen. Meine Frau gibt ihnen Deutschunterricht. Sie sind ganz jung, sie haben gute Träume, und wie meine Frau sagt, sind sie die engagiertesten Schüler, die sie je hatte.

Vor allem aber ernte ich nun, wenn ich ins Flachland fahre und sage, wo ich herkomme, nicht mehr nur Erstaunen und Befremden, sondern viel Neugierde und Bewunderung. «Was sind das für Menschen», werde ich gefragt, «wie geht das zusammen, die Engstirnigkeit und die Grosszügigkeit?» Und wenn ich dann antworte: Kommt hoch und seht selber, sagen alle, ausnahmslos alle: «Ja, das machen wir, unbedingt. Vielleicht kann man von euch ja sogar noch etwas lernen.» Einige sind heute da. So wünsche ich mir den 1. August.

Grazcha fich.