Jagdszenen - Gedankenjagd

Jagdszenen - Gedankenjagd

Ein Mailwechsel zwischen dem Jäger Peter Egloff und der Nichtjägerin Prisca Roth.

Peter Egloff, geboren 1950 in Zürich, hat an der dortigen Universität Volkskunde, Europäische Volksliteratur und Soziologie studiert. Er absolvierte zahlreiche Auslandeinsätze für IKRK, UNO, OSZE und EU, war 1986 bis 1995 Redaktor bei Schweizer Radio DRS und 1996 bis 2002 Programmleiter der Televisiun Rumantscha. Seit 2003 ist er freier Publizist, bis 2015 war er Mitglied des Schweizerischen Expertenpools für zivile Friedensförderung. Von 1975 bis 2016 ging Peter Egloff in Graubünden auf die Jagd.

Prisca Roth ist freischaffende Historikerin, Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Graubünden und Redaktorin für Raetia Publica.

Peter Egloff.  zVg

Peter Egloff. zVg

Fotos: Curdin Albin

Von: Prisca Roth
Gesendet: Montag, 26. August 2019 09:36
An: Peter Egloff
Betreff: Jagd in Graubünden - Artikel für Raetia Publica

Lieber Peter

Ich habe letzte Woche die grosse Ausstellung Passion. Bilder von der Jagd im Bündner Kunstmuseum besucht. Meine Kinder habe ich vorsichtshalber zu Hause gelassen. Ich wollte ihnen den Anblick des vielen Blutes, das doch sicherlich während der Jagd fliesst, der verdrehten, zuckenden, mit dem Tod ringenden Körper der Rehe ersparen. Aber die im Museum abgebildeten Jagdszenen waren überhaupt nicht brutal. Bloss die Hetzhunde, die auf den Ölbildern des 18. und 19. Jahrhunderts abgebildet sind, lassen die Aggressivität beim Töten erahnen.

War hier einfach die Kunst am Werk, die, wie ein Schleier, sich «verschönernd» über die Realität legt oder ist die Jagd niemals so brutal, wie sie sich eine Nichtjägerin vorstellt?


Von: Peter Egloff
Gesendet: Montag, 26. August 2019 18:31
An: Prisca Roth
Betreff: AW: Jagd in Graubünden - Artikel für Raetia Publica

Liebe Prisca

Deine Frage ist schon deshalb schwierig zu beantworten, weil es DIE Jagd im Singular nicht gibt, sondern vielmehr eine riesige Vielfalt verschiedenster Jagdformen und Jagdtechniken, die sich im Laufe der Jahrtausende überall auf der Welt entwickelt haben. Jagd ist soziale und kulturelle Praxis und ein Ausschnitt aus dem Beziehungsgefüge, das Mensch und Tier auf eine äusserst vielfältige Art verbindet und schon immer verbunden hat. Damit reflektiert die Jagd auch gesellschaftliche Veränderungen, zum Beispiel Verschiebungen von Werthaltungen gegenüber Tieren. In der Churer Ausstellung hängt ein riesiges Bild aus dem Jahr 1721, das kein Blutbad zeigt, aber den Moment unmittelbar davor. Im Auftrag des österreichischen Kaisers Karl VI. ist für ein sogenanntes «Hauptjagen» eine grosse Menge Wild zusammengetrieben und eingepfercht worden, dazu bestimmt, vom versammelten Adel in einem aufwendigen Zeremoniell, mit Musik und grosser Zuschauerbeteiligung aus kürzester Distanz und ohne Fluchtmöglichkeit niedergeknallt, regelrecht exekutiert zu werden. So etwas hat es in der Schweiz nie gegeben und wäre heute auch in Österreich undenkbar. Aber der grossartige Lucas Cranach hat im 16. Jahrhundert solche Szenen gemalt. Sie erinnern an eigentliche Schlachtenbilder, und ich gehe davon aus, dass er damals daran nichts Anstössiges fand, denn die Jagd war die anerkannte Bühne, auf der die Herrschenden ihre Macht demonstrierten, und galt ganz offiziell als «die kleine Schwester des Krieges». Cranachs «Jagdkriegsbilder» waren aber leider für das Bündner Kunstmuseum unerreichbar...eins davon ist im Ausstellungskatalog zu finden.

Wenn ich Dich richtig verstehe, warst Du nach dem Besuch der Ausstellung durchaus der Meinung, dass sie auch für Deine Kinder zumutbar wäre. Es gibt aber auch innerhalb derselben Gesellschaft und Zeitperiode grosse Unterschiede in den Vorstellungen, was im Umgang mit Tieren «richtig» oder «falsch» ist. Bestimmt gibt es Eltern, die das ganz anders sehen als Du. Auf Eric Poitevins hoch ästhetische Foto eines an den Hinterläufen aufgehängten toten Hirsches (notabene ganz ohne Blut, ohne jegliche sichtbare Verletzung) haben einige Leute mit extremem Widerwillen und Abscheu reagiert. Ich frage mich, ob es allesamt Vegetarier oder Veganer sind, und ob einige dieser Leute nicht doch eine Falle stellen würden, wenn sie entdecken, dass sich eine Rattenfamilie in ihrem Ferienhaus eingenistet hat.

 
 

Von: Prisca Roth
Gesendet: Montag, 26. August 2019 21:48
An: Peter Egloff
Betreff: AW: Jagd in Graubünden - Artikel für Raetia Publica

Ratten im Ferienhaus – igitt! Aber ich müsste meinen Kindern dann halt schon versprechen, dass ich solche Fallen aufstelle, bei denen die Ratten nur gefangen werden und nicht durch Genickbruch sterben. Aber Rattenbraten würden wir ja auch nicht essen wollen. Der Umgang, die Beziehung zwischen Mensch und Tier hat sich in der letzten Zeit stark gewandelt, schreibst Du. Haben wir vergessen, dass wir nicht essen können, ohne dass etwas oder jemand dafür sterben muss?


Von: Peter Egloff
Gesendet: Dienstag, 27. August 2019 11:13
An: Prisca Roth
Betreff: AW: Jagd in Graubünden - Artikel für Raetia Publica

Im Supermarkt vor der Fleischauslage denken die wenigsten Menschen daran, dass sie, sauber abgepackt und sozusagen anonymisiert, Teile von Tieren in ihren Einkaufswagen legen, die vor kurzem noch krähten, gackerten, blökten, grunzten oder muhten. Tiere, die meist von der Geburt bis zum frühen Tod ein Leben führen mussten, das ihren Instinkten und vitalen Bedürfnissen nicht oder nur sehr bedingt entsprach. Ein Gegenbeispiel, eine Erinnerung aus meiner Kindheit: Ich war etwa vier Jahre alt, jedenfalls noch nicht im Kindergarten, als meine Mutter mich in den frühen fünfziger Jahren auf den Markt am Zürcher Bürkliplatz mitnahm. An einem Stand, wo eine Frau vor allem Eier anbot, hockten am Boden auch einige lebende Hühner, in kleine Netze eingepackt und so bewegungsunfähig gemacht. Mama wählte eines aus, machte mit mir noch einen kleinen Rundgang durch den Markt, und als wir an den Stand zurückkamen, nahm sie das getötete Huhn in Empfang. Bald darauf flogen, für mich höchst kurzweilig, in unserer kleinen Küche die Federn. So etwas wäre heute mitten in Zürich völlig undenkbar, würde zu wütenden Protesten führen – und ist doch nur 65 Jahre her!

Damals war ein Brathähnchen oder selbst ein Suppenhuhn ein seltenes Festessen. Heute sterben millionenfach mehr Hühner für unseren ganz alltäglichen Konsum – aber niemand sieht sie lebendig oder wie sie getötet werden. Als ein Dorfmetzger in Sissach vor zwei Jahren eine öffentliche Hausmetzgete ankündigte und zwei Schweine vor dem Publikum per Bolzenschuss tötete und mit fachmännischen Erklärungen zerlegte, fegte ein Sturm der Entrüstung durch die Schweiz – durch ein Land, in dem sich der Fleischkonsum innert 50 Jahren auf heute 51 Kilogramm pro Person und Jahr verdoppelt hat. Die Forderung, man sollte nur noch Fleisch von Tieren essen dürfen, die man selbst getötet hat, ist radikal, aber sie kann nützliche Überlegungen auslösen. Es ist mittlerweile recht allgemein bekannt, dass unser extremer Fleischkonsum immenses Tierleid verursacht und mithilft, die Welt kaputt zu machen, und er motiviert und befeuert eine Gegnerschaft mit extremen Forderungen. Mitte August begegnete ich in Zürich zufällig einer grossen Demonstration von Tierrechtlern, der Tramverkehr in der Innenstadt war lahmgelegt. Ganz überwiegend junge Leute, Veganer. Die meisten Transparente richteten sich gegen die industrielle Fleischproduktion, nur vereinzelte gegen die Jagd.

Aber, um es noch etwas komplizierter zu machen: Ob es richtig ist, Tiere zu töten und zu essen, war auch schon in der Antike eine Frage. Im fünfzehnten Buch von Ovids Metamorphosen gibt es ein vehementes Plädoyer gegen das Töten von Tieren und für den Vegetarismus, für «die Gerichte, die frei sind vom Mord und vom Blute.» Der Mensch hat, wie es der spanische Philosoph José Ortega y Gasset formuliert, «noch nie so recht gewusst, was das Tier ist». Entsprechend vielfältig und voller Widersprüche ist unser Umgang mit dem Tier. Im Appenzell gelten Hunde noch immer als Delikatesse, und in Zürich werden sie gegen Krankheit versichert und für Chemotherapie, Hüftoperationen und Akupunktur zum Arzt gebracht.

 
 

Von: Prisca Roth
Gesendet: Dienstag, 27. August 2019 15:39
An: Peter Egloff
Betreff: AW: Jagd in Graubünden - Artikel für Raetia Publica

Grosse Veränderungen was das Töten der Tiere anbelangt in einem relativ kurzen Zeitraum, aber auch einen unterschiedlichen Umgang mit Tieren in der Stadt und auf dem Land hast Du ausgemacht. Aber hat das Unverständnis gegenüber der Jagd bei den vorwiegend jungen Leuten nicht auch damit zu tun, dass wir heute allgemein einen verkrampften Umgang mit dem Tod haben? In erster Linie mir unserem eigenen? Wie ist das auf der Jagd: Denkt man beim langen Warten auf das Tier auch über seinen eigenen Tod, oder den seiner Liebsten nach?


Von: Peter Egloff
Gesendet: Mittwoch, 28. August 2019 10:32
An: Prisca Roth
Betreff: AW: Jagd in Graubünden - Artikel für Raetia Publica

Ich denke, man muss unterscheiden: Umgang mit Tod, Umgang mit Tieren. Die moderne Tierrechtsbewegung, für die ab den 1970er Jahren Philosophen wie Peter Singer und Tom Regan entscheidende Impulsgeber waren, ist das eine. Da wird die «anthropologische Differenz» diskutiert, d.h. die Frage, was den Menschen, zoologisch gesehen auch ein Tier, von den «nichtmenschlichen Tieren» unterscheidet. Diese Differenz wird im Falle hoch entwickelter Tiere als sehr gering eingeschätzt und damit nicht als hinreichende Rechtfertigung, um Tiere so umstandslos zu töten, wie das eben im Allgemeinen geschieht. Ein zentraler Begriff in dieser Diskussion ist der «Speziesismus». Abgeleitet von «Rassismus» postuliert und denunziert der Begriff eine diskriminierende Haltung und Praxis des Menschen gegenüber Tieren aufgrund von Merkmalen, welche eine solche Haltung ethisch nicht zu rechtfertigen vermögen. Es geht also um Ethik und Moral, um eine erweiterte Achtung vor dem Leben und nur indirekt um den Tod.

Zum zweiten Teil Deiner Frage, ob wir, d.h. unsere Gesellschaft allgemein einen verkrampften Umgang mit dem Tod habe: Das wird ja oft gesagt, aber ich weiss schlicht nicht, ob das so stimmt. Wohl ist die direkte Konfrontation mit dem Tod, mit dem Sterben und mit Leichen in modernen, urbanisierten, arbeitsteiligen Gesellschaften weniger häufig. Viel weniger Leute sterben zuhause, als das früher der Fall war, kaum jemand wird noch in der eigenen Wohnung aufgebahrt und von Angehörigen und Nachbarn drei Tage lang betrauert, usw. Aber ich denke, dass besonders der eigene Tod und der von Menschen, die einem nahestehen, auch in früheren Zeiten nicht etwas war, was man sich dauernd vor Augen führte. Man hat das wohl auch früher oft «verdrängt». Die Lebenslust brauchte schon immer ihren Platz!

Über was ich beim langen Warten auf das Tier nachdenke? Sehr, sehr vieles kann einem da durch den Kopf gehen, vielleicht auch mal Gedanken über den Tod, aber längst nicht nur. Ich bin alles andere als ein Meditationstyp. Ich habe nie Räucherstäbchen angezündet, Bäume umarmt oder mich von indischer Tempelmusik verzücken lassen. Aber während der Jagd komme ich durchaus in eine Stimmung, die solchen Gemütszuständen wohl ein bisschen ähnlich ist. Ohne handfesten Grund könnte ich nie vier Stunden hinter einem Baumstrunk oder Felsblock sitzen und einen Abhang beobachten, wo ein Gemsbock seinen Einstand hat oder ein Hirschwechsel durchführt – im September, mit dem Stutzer über den Knien kann, bzw. konnte ich das. Blick und Gehör sind extrem geschärft, aber eine innere Ruhe breitet sich aus, das Zeitgefühl verschwimmt und die Gedanken können weit weg fliegen, kreisen – bis sich vielleicht ein Eichelhäher zwei Meter neben mir auf einen Ast setzt und mich neugierig beäugt oder eine Maus vorbeihuscht und meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. (Ich habe mich mal auf einem Posten mit einer Maus befreundet und sie mehrere Tage verköstigt.)

Und wenn dann am Gegenhang tatsächlich ein Ast knackt, in der Rüfe ein paar Steinchen kullern, durch die Erlen ein grauer oder rotgelber Fleck sichtbar wird, ist es mit dieser Ruhe schlagartig vorbei, der Atem stockt für einen Moment, der Puls schnellt hoch... ein wunderbares Kontrasterlebnis, man ist mit allen Fasern da, präsent, fokussiert, extrem lebendig!

 
2007 hat Peter Egloff in der Val Stavel Crap einen kleinen Waldbewohner aus seinem «Buffet» verköstigt. Bilder: Peter Egloff
 

Von: Prisca Roth
Gesendet: Mittwoch, 28. August 2019 18:07
An: Peter Egloff
Betreff: AW: Jagd in Graubünden - Artikel für Raetia Publica

Du hast nichts mit esoterischen Praktiken am Hut, das habe ich verstanden. Aber ich würde dich, wie halt alle Jäger, schon als etwas archaischen Typen bezeichnen, wie Du da so in der Natur sitzt und dich mit den einen Tieren anfreundest, während Du darauf wartest, andere zu töten...


Von: Peter Egloff
Gesendet: Donnerstag, 29. August 2019 11:24
An: Prisca Roth
Betreff: AW: Jagd in Graubünden - Artikel für Raetia Publica

Jagen ist einfach ein extremer Kontrast zu meinem «normalen» Leben. Und unter den Bedingungen der Bündner Gebirgsjagd werden alle Sinne, Kopf und Körper gleichermassen beansprucht. Da wird von mir ganz anderes gefordert als am Schreibtisch. Schön finde ich, dass das auch auf den Alltag durchs ganze Jahr ausstrahlt. Ich bin auch auf einer Bahnfahrt aufmerksamer, sehe vielleicht einen Waldrand oder eine Heckenlandschaft und denke: das wäre ein Ort für Rehe. Und manchmal steht dann wirklich eines da, oder ich entdecke zumindest einen Hochsitz. Diese Achtsamkeit für die Natur gibt es aber auch auf anderen Gebieten: Als ich ein paar Jahre Bienen hatte, wusste ich immer, wann was gerade blühte, und seitdem ich mitgeholfen habe, ein paar Trockenmauern zu bauen, fallen mir auf jeder Wanderung geeignete Steine auf...

Ob man diese Art von Wachheit archaisch nennen soll, weiss ich nicht. Aber ja, vielleicht ist die Bündner Jagd ein bisschen archaischer als eine, wo man mit dem Range Rover in den Wald fährt, eine Viertelstunde zu einem Hochsitz spaziert und dort wartet, bis einem ein mit Kraftfutter gemästeter Vierzehnender vor das Gewehr getrieben wird, der den grössten Teil seines Lebens in einem Wildgatter zugebracht hat.

 
 

Von: Prisca Roth
Gesendet: Donnerstag, 29. August 2019 13:00
An: Peter Egloff
Betreff: AW: Jagd in Graubünden - Artikel für Raetia Publica

Wenn ich Dich so lese, habe ich das Gefühl, dass Du, wenn Du da stundenlang sitzt und auf das Tier wartest, ein bisschen zu dem wirst, was Du jagst.


Von: Peter Egloff
Gesendet: Donnerstag, 29. August 2019 17:18
An: Prisca Roth
Betreff: AW: Jagd in Graubünden - Artikel für Raetia Publica

Das kann man schon so sagen. Jagen unter den Bedingungen der Bündner Patentjagd heisst zuerst und vor allem: Suchen und Warten. Um Erfolg zu haben, muss der Jäger sich möglichst viel Wissen über die Eigenarten und Gewohnheiten des Wildes aneignen, das er bejagen will. (Das naturkundliche Wissen von Jägern begründete im 19. und frühen 20. Jahrhundert die moderne Ökologie.) Und wenn der Jäger dieses Wissen hat, muss er sich ihm sozusagen unterordnen. Er muss, gleich wie sein Wild, mit allen Sinnen wach, stets bereit, «auf dem Sprung» sein. Und er muss sich dem Rhythmus der Natur, von Hell und Dunkel, Tag und Nacht, von Äsen und Ruhen unterordnen, welchen die Tiere befolgen. (Wobei zu sagen ist, dass etwa der Hirsch eigentlich ein Tagtier wäre – er hat sich nur zum Dämmerungs- und Nachttier gewandelt, um seinem grössten Feind, dem Menschen, auszuweichen.)

So nähert sich mein Verhalten durchaus ein Stück weit dem eines Tieres an – allein schon dies ist ein grosses Kontrasterlebnis zu meinem sonstigen Alltagsleben. Ich muss nur Nachbars Katze anschauen: Sie kann stundenlang entspannt an einem Sonnenplätzchen liegen – aber sobald eine Maus im Gras raschelt, eine Eidechse auf einem Stein in ihrer Nähe erscheint, duckt sie sich, heftet ihren Blick auf die mögliche Beute, spannen sich ihre Muskeln zum Sprung. In den «Notizen des Jägers» des Schriftstellers Meinrad Inglin findet sich in diesem Zusammenhang ein eindrücklicher Satz: «Man taucht als Jäger so oft ins Ganze der Natur ein und fühlt sich so wenig mehr als einmaliges Individuum, dass man auch das zu erlegende Wild nicht als ein Sonderwesen anschaut, das zu töten ein Frevel wäre, sondern als eine der unzähligen Verkörperungen, durch deren Tod dem unerschöpflichen Ganzen kein Abbruch getan wird».


Von: Prisca Roth
Gesendet: Donnerstag, 29. August 2019 23:05
An: Peter Egloff
Betreff: AW: Jagd in Graubünden - Artikel für Raetia Publica

Gibt es bei euch Jäger*innen so etwas wie einen Ehrenkodex? Ein geschriebenes oder ungeschriebenes Gesetz, das vorgibt, wie man sich gegenüber dem Tier aber auch gegenüber den Kolleg*innen zu verhalten hat?


Von: Peter Egloff
Gesendet: Freitag, 30. August 2019 15:45
An: Prisca Roth
Betreff: AW: Jagd in Graubünden - Artikel für Raetia Publica

Eine Jagd ohne geschriebene Gesetze schafft sich selber ab, indem sie das Wild ausrottet. Mit der technischen Entwicklung der Feuerwaffen wurde das überall möglich. In der nordamerikanischen Prärie lebten ums Jahr 1800 etwa 60 Millionen Bisons. Hundert Jahre später, um 1900, waren es weniger als tausend! Aber wir müssen gar nicht so weit suchen. Um 1850 war die Schweiz sozusagen leer geschossen. In den Alpen gab es noch Restbestände an Gemsen, und in der Nordostschweiz ein paar Rehe, und sonst war da praktisch nichts mehr. In Alt fry Rätien waren zwar immer wieder Jagdgesetze erlassen worden, aber in der seit 1526 «freien Volksjagd» kümmerte sich kein Mensch darum. Wirksame Jagdgesetze schuf Graubünden erst nach 1875 auf Druck von Bern, als ein Bundesgesetz die Kantone dazu verpflichtete. Erst von da an haben sich die Wildbestände, vorerst langsam, erholt, und der Hirsch wanderte wieder ein.

In Ländern mit feudalistischer Jagdtradition wurde das Volk mit drastischen Methoden von der Jagd ausgeschlossen, die Wilderei mit hohen Strafen belegt. (Der Fürstbischof von Salzburg liess als Jagdherr Wilderer zur Galeerenstrafe in Venedig verurteilen, was oft einem Todesurteil gleichkam.) Die Bejagung der grossen, gehegten Wildbestände war ein exklusives Adelsprivileg. In der französischen Revolution fiel dieses Privileg, kein Geringerer als Robespierre forderte «la liberté illimitée de chasser». Die Folgen für das Wild waren katastrophal.

Um den Weiterbestand von Wild (und damit der Jagd!) zu sichern, muss der Mensch also seiner technischen Überlegenheit Zügel anlegen, sich in der Wahl der Mittel beschränken. Darüber liesse sich lange reden. Ich greife nur zwei Beispiele aus Graubünden heraus: Geschosskaliber und Restriktionen für die Verwendung von Motorfahrzeugen. Auf der Bündner Hochjagd ist nur Munition mit einem Mindestkaliber von 10,2 Millimeter gestattet, das gängige Kaliber ist 10,3. Mit so grossen und schweren Projektilen soll zum Vorteil des Wildes, um diesem eine Chance des Entkommens zu lassen, die mögliche Schussdistanz eingeschränkt werden. Das ist bei der grossen Anzahl Jäger im Kanton sehr sinnvoll. Denn je weiter geschossen wird, desto gravierender wirken sich auch Zielfehler aus. Die Fluchtdistanz der Tiere wird zudem grösser. Und auch die Nachsuche-Disziplin lässt nach. Das Gesetz schreibt ja mit guten Gründen vor, dass nach jedem Schuss auf Wild dessen Standort bei der Schussabgabe aufgesucht und nach Spuren überprüft werden muss – auch wenn das Tier anscheinend gesund abgeht und der Jäger überzeugt ist, vollständig gefehlt zu haben. Was aber, wenn dafür im schwierigen Gelände eine stündige Kraxelei auf die andere Talseite nötig ist, weil man 300 oder mehr Meter über ein Tobel geschossen hat?

 
 

Diese Kaliber-Vorschrift wird von uneinsichtigen Jägern immer wieder kritisiert. Und in den letzten Jahren wird versucht, sie mit stärker geladenen Magnum-Patronen zu unterlaufen. Die ballistisch ideale Bündner Patrone gibt es leider nicht: Sie sollte nach 160 Metern kerzengerade zu Boden plumpsen 🙂. (200 Meter beträgt die gesetzlich tolerierte maximale Schussdistanz. Aber der Kanton ist gross, und der Wildhüter kann nicht überall sein...)

Eine zweite, höchst sinnvolle und nötige Einschränkung im Bündner Jagdgesetz betrifft die Verwendung von Motorfahrzeugen. Sie dürfen nur für den Abtransport von Schalenwild eingesetzt werden. Der Jäger, der sich ins Jagdgebiet begibt, hat dies vom letzten Dorf oder von dafür bezeichneten Parkplätzen aus zu Fuss, mit fahrplanmässig verkehrendem ÖV oder mit dem Velo (nicht aber E-Bike) zu tun. Man stelle sich das Chaos vor, wenn die 5500 Bündner Hochjagd-Teilnehmer*innen mit ihren SUVs auf allen Alpsträsschen zirkulieren und heute im Oberengadin, morgen im Puschlav und übermorgen zuhinterst in der Val Sumvitg auftauchen könnten!

Aber mit «Ehrenkodex» meinst Du wohl die sogenannte «Weidgerechtigkeit». Das ist ein weites Feld und zielt auf das Verhalten des Jägers und der Jägerin gegenüber dem Wild wie auch gegenüber anderen Jäger*innen ab. Bei näherer Betrachtung ist es ein sehr fliessender, schwer zu fassender Begriff, über den man sich lange unterhalten könnte.

Wie sehr sich gerade die Vorstellungen von weidgerechtem Verhalten gegenüber dem Wild nicht nur seit dem Feudalismus mit seinen Massenschlächtereien, sondern auch in jüngerer Zeit gewandelt haben, sei hier nur an einem krassen Beispiel gezeigt. Die umfassendste und für die damalige Zeit vollständigste Monographie über die Gemse hat der französische Arzt und Jäger Marcel Couturier geschrieben: «Le chamois», zwei Bände mit total 857 Seiten und über 500 Illustrationen, 1938 in Grenoble erschienen. Das Werk behandelt minutiös die Naturgeschichte, das Verhalten und die Jagd. Couturier hat selber weit über 500 Gemsen geschossen und auch darüber ein Buch veröffentlicht. Auf Seite 612 von «Le chamois» schildert Couturier seine bevorzugte Art, eine angeschossene, fluchtunfähige Gemse zu töten: Er erstickt sie, indem er mit der einen Hand Nüstern und Äser zupresst und mit Daumen und Zeigefinger der andern Hand die Luftröhre zusammendrückt: «Il faut un certain temps pour que l’asphyxie soit complète – Es braucht eine gewisse Zeit, bis der Erstickungstod eintritt.» Das galt 1938 offenbar als weidgerecht! Wer heute in der Schweiz bei solchem Tun erwischt würde, hätte ein Verfahren wegen Tierquälerei am Hals und – hoffentlich – als Konsequenz viele Jahre Entzug der Jagdberechtigung.

Was nun die Weidgerechtigkeit betrifft, verstanden als faires Verhalten gegenüber anderen Jägern, kann ich Cristoffel Degonda aus Sumvitg zitieren, einen 1996 verstorbenen Wildhüter, den ich sehr geschätzt habe: «Cun ir cun auto e silla catscha muossa in siu caracter! – Beim Autofahren und auf der Jagd zeigt einer seinen Charakter!» Es heisst ja, der älteste Bündner sei der Neid – man könnte auch sagen, er sei der älteste Jagdkamerad. Die Bündner Patentjagd ist nicht zuletzt durch einen hohen Konkurrenzdruck unter den Jägern charakterisiert, und dass die Fairness in den jährlich mit dem Patent abgegebenen Jagdbetriebsvorschriften immer wieder beschworen wird, zeigt ja gerade, dass es damit nicht immer und überall zum Besten bestellt ist. Aber das ist beileibe keine Bündner Spezialität, die Jägersprache kennt dafür sogar einen Fachbegriff: Schussneid. Zum Glück habe ich aber auch viele Momente erlebt, wo das Gegenteil der Fall war und man sich gemeinsam mit Kameraden von Herzen über einen Jagderfolg - einen fremden oder einen eigenen - freuen konnte.


Von: Prisca Roth
Gesendet: Montag, 2. September 2019 08:50
An: Peter Egloff
Betreff: AW: Jagd in Graubünden - Artikel für Raetia Publica

Die Jagd hat begonnen! Perfektes Wetter: Nebel. Gespannt lausche ich im Bett, ob ich einen ersten Schuss oben am Calanda höre. Nichts. Wir haben nun theoretische, rechtliche und auch ethische Aspekte des Tötens erörtert. Aber wie hältst Du es denn ganz praktisch mit dem Töten des gejagten Tieres?


Von: Peter Egloff
Gesendet: Mittwoch, 4. September 2019 19:01
An: Prisca Roth
Betreff: AW: Jagd in Graubünden - Artikel für Raetia Publica

Ich habe schon als Vier- oder Fünfjähriger in Surrein Jäger erlebt, welche mit Beute - Hirsche, Gemsen, Rehböcke - heimkehrten. Einer, ein bekannter Wilderer, hat dem Knirps gar das Gehörn eines (illegal erlegten) Rehgablers geschenkt, ich war im siebten Himmel. Das waren starke Eindrücke, aber sie haben wohl bewirkt, dass ich die Jagd sehr früh als «Normalität» eingeordnet und verarbeitet habe. Später, als Jugendlicher, habe ich einen Onkel auf die Niederjagd begleitet und war fasziniert. Mit und unmittelbar nach der Pubertät gingen dann die Interessen verstärkt in eine andere Richtung. Aber 1975, mit 25 Jahren, machte ich die Bündner Prüfung und löste mein erstes Patent. Und seither hat die Jagd immer eine nicht unbeträchtliche Ecke in meinem Gefühlshaushalt besetzt – mit jahreszeitlichen Schwankungen. Meine Jagdstrecken waren aber, von Ausnahmen mal abgesehen, recht durchschnittlich. Der Normalfall in diesen drei Wochen Gebirgsjagd war das abendliche, abgekämpfte «rentrer bredouille». Töten, das waren ein paar wenige kurze Momente innerhalb von drei strapaziösen Wochen mit vielen Tagen, an denen sich das Wild als schneller, aufmerksamer, geschickter erwies oder die Bedingungen von Gelände, Wind und Wetter auf seiner Seite hatte.

Wenn aber der Erfolg erreichbar schien oder das «objet du désir» schon in Schussdistanz war, das Tier als erlaubt angesprochen war und die Situation überhaupt weitere Reflexionen zuliess, waren das immer höchst intensive Momente. Die letzten Meter der Pirsch, die Sekunden vor dem Schuss: Augenblicke atemloser Spannung, extremer innerer Bewegung, höchster Konzentration mit dem einen brennenden Wunsch – dass das Tier gleich im Feuer stürzen möge. Und danach eine schwer bestimmbare, schwankende, widersprüchliche Mischung von Erleichterung, Glück, Erschütterung, Stolz, Dankbarkeit (...aber wem danken?), Nachdenklichkeit, Melancholie. Ich hatte ein Leben abgekürzt, genommen, den Tod gebracht, den schliesslich auch ich dem Leben schulde. Fühlte ich mich manchmal gerade deswegen in solchen Momenten besonders lebendig? Und die Melancholie wurde oft gemildert durch das eigentlich eher absurde Gefühl, dass ich mir das Tier mit all den Strapazen «verdient» habe. Besonders wenn ich allein war, setzte ich mich vor dem Ausweiden eine Weile hin, um emotional wieder runterzukommen. Wenn diese «Totenwache» (na ja, klingt kitschig) mal nicht ratsam war und ich mich beeilen musste, weil ich beim Eindunkeln noch weit oben in schwierigem Gelände war, fühlte ich mich stets um etwas Wichtiges betrogen.

 
 

Von: Prisca Roth
Gesendet: Donnerstag, 5. September 2019 09:11
An: Peter Egloff
Betreff: AW: Jagd in Graubünden - Artikel für Raetia Publica

Jäger*innen präsentieren sich ja gerne als die grossen Natur-Versteher, als die Anwälte des Wildes. Aber: geht es nicht einfach darum, sich genügend Beute zu sichern? Mir kam das manchmal so vor, wenn ich als Kind die vielen, vielen leblosen Tiere betrachtete, die vor dem Palazzo Salis in Soglio zur Schau gestellt wurden.


Von: Peter Egloff
Gesendet: Freitag, 6. September 2019 19:18
An: Prisca Roth
Betreff: AW: Jagd in Graubünden - Artikel für Raetia Publica

Das würde ich so nicht sagen, da hat sich viel getan, gerade auch in der verbesserten Ausbildung der Jungjäger*innen, in welcher den ökologischen Zusammenhängen viel mehr Bedeutung beigemessen wird. Und die Biotophege, also die Pflege der Wild-Lebensräume, von der auch viele nicht jagdbare Tiere profitieren, ist heute ein wichtiges Betätigungsfeld vieler Jägersektionen, da werden freiwillig viele, viele Arbeitsstunden geleistet. Das sehe ich als ausgesprochen positive Seite der kulturellen Verschiebung der Bündner Jagd hin zur Hobby- und Freizeitkultur, auf die wir vielleicht noch zu sprechen kommen.

Allerdings: Wenn es um Fragen der Ökologie und Umweltpolitik im Grossen geht, sind die Schweizer Jagdverbände nach wie vor auffallend schweigsam. (Viel zurückhaltender jedenfalls als die Fischer, wenn es um Gewässerschutz, Restwassermengen und neue Wasserkraftwerke geht.) Das verweist auf Interessenkonflikte, die mitten durch die Jägerschaft und die einzelnen Jäger gehen. Eins der ganz grossen Probleme in unseren Verhältnissen ist ja der Verlust und die Zerschneidung von Wild-Lebensräumen durch touristische Aktivitäten und immer weitere Erschliessungen. Wenn nun aber Winterolympiade-Turbos wie der Davoser Landammann Tarcisius Caviezel oder der frühere CVP-Präsident Christophe Darbellay sich gleichzeitig in der Öffentlichkeit als grosse Jäger gerieren und gar noch in Verbandsvorständen das grosse Wort führen, werden sie zur Belastung, indem sie der Jagd ein Glaubwürdigkeitsproblem bescheren.

Im Widerspruch zu einem vertieften Naturverständnis und einem achtsamen Umgang mit den beschränkten Ressourcen dieser weiss Gott arg geschundenen Welt steht es selbstverständlich auch, wenn Jäger*innen hunderte von Auto- oder tausende von Flugkilometern zurücklegen, um ein paar Knochen heimzubringen und an die Stubenwand zu nageln. Trophäenjagd im Ausland wird ja auch unter Bündner Jägern immer beliebter. Ehrlich gesagt: Ich habe keinen Schimmer, was einen Bündner Gemsjäger dazu bewegen kann, in Zimbabwe oder Namibia einen Pavian oder ein Zebra zu erschiessen. Aber das kommt vor!

 
 

Von: Prisca Roth
Gesendet: Samstag, 7. September 2019 00:06
An: Peter Egloff
Betreff: AW: Jagd in Graubünden - Artikel für Raetia Publica

Wie haben es die Jäger*innen eigentlich mit der tierischen Konkurrenz, mit Luchs und Wolf? Man hört und liest da Verschiedenes...


Von: Peter Egloff
Gesendet: Samstag, 7. September 2019 10:22
An: Prisca Roth
Betreff: AW: Jagd in Graubünden - Artikel für Raetia Publica

Im Wallis ist die Missachtung geltender Gesetze und Schutzbestimmungen seit vielen Jahren schon fast ein Regierungsprogramm, der illegale Abschuss von Luchsen und Wölfen hat bekanntlich den Segen führender Politiker. Davon sind wir in Graubünden glücklicherweise weit entfernt. Aber auch hier ist die Diskussion polarisiert, und mit der zunehmenden Bildung von Wolfsrudeln wird sich die Situation absehbar nicht entspannen.

Dass die Wolfspräsenz die Bergbauern vor grosse, seit Jahrhunderten nicht mehr gekannte Probleme stellt, ist offensichtlich. Die geforderten Abwehrmassnahmen sind aufwendig und die Behirtung der Kleinvieh-Herden ist viel anspruchsvoller geworden. (Wobei gesagt werden muss, dass der Wolf auch mit sehr problematischen Formen der unbehirteten Kleinvieh-Sömmerung aufgeräumt hat.) Es ist auch kaum von der Hand zu weisen, dass wegen dem Wolf wohl auf die Bewirtschaftung der einen oder anderen Alp verzichtet werden wird – mit negativen Konsequenzen für die extensiv genutzte Kulturlandschaft. Die Skepsis der Bergbauern kann ich also nachvollziehen und bin sehr neugierig, ob und wie sich ein erträgliches Nebeneinander von Grossprädator und Berglandwirtschaft erreichen lässt.

Für Jägerproteste habe ich hingegen wenig Verständnis, eigentlich gar keins. Die schweizerischen Wildbestände waren noch nie so hoch wie heute, fast überall hat man Mühe, die Abschussvorgaben zu erfüllen. Das hat auch der Wolf gemerkt, und darum ist er ja auch wieder zu uns gekommen. Wenn in dieser Situation der Präsident der Dachorganisation «Jagd Schweiz» letztes Jahr Entschädigungen gefordert hat für mögliche Beute-Einbussen durch die Grossprädatoren, so finde ich das – ich will mich höflich ausdrücken – nicht nachvollziehbar. Der Mann hätte diese Rechnung vielleicht je zur Hälfte an TCS und ACS adressieren sollen, denn im Strassenverkehr stirbt viel mehr Wild als durch Luchs und Wolf.

Und besonders wir von Wild und Wildnis doch so faszinierten Jäger*innen sollten eins nicht vergessen: der Hirsch, wie wir ihn bewundern und bejagen, ist das Ergebnis der Ko-Evolution mit dem Wolf. Die beiden Arten haben sich im Laufe von Millionen Jahren gegenseitig geformt und im steten Nebeneinander als Prädator und Beutetier ihre grossartigen Fähigkeiten entwickelt. Wir verdanken den Hirsch sozusagen dem Wolf – und das Jagdrecht des Wolfes ist um vieles älter als das unsere! Hass auf den vierbeinigen Konkurrenten mit dem gleichen Beuteschema scheint mir vollkommen deplatziert.


Von: Prisca Roth
Gesendet: Sonntag, 8. September 2019 08:34
An: Peter Egloff
Betreff: AW: Jagd in Graubünden - Artikel für Raetia Publica

Du kamst schon als kleiner Knirps in Surrein mit der Jagd in Berührung und warst ab 1975 und bis vor drei Jahren selber Jäger. Mich als Historikerin würde interessieren: Was hat sich in dieser Zeitspanne verändert?


Von: Peter Egloff
Gesendet: Sonntag, 8. September 2019 19:17
An: Prisca Roth
Betreff: AW: Jagd in Graubünden - Artikel für Raetia Publica

Sehr, sehr vieles, ich fühle mich schon fast als eine Art Zeitzeuge 🙂. 1977 war zum Beispiel ein historisches Jahr: da wurde erstmals der Steinbock wieder bejagt, mehr als drei Jahrhunderte nach seiner Ausrottung und ein halbes Jahrhundert nach seiner erfolgreichen Wiederansiedlung. Und dann – sehr wichtig – wurde die Bündner Hochjagd vor allem ab den späten 1980er Jahren immer stärker nach Erkenntnissen der Wildbiologie und Ökologie organisiert. Sie hat sich dadurch auch im Ausland einen sehr guten Ruf erworben. Aber darauf näher einzugehen, würde hier viel zu weit führen

Als Volkskundler hat mich aber auch interessiert, wie sich die Bündner Jagd kulturell verändert hat. Vereinfacht gesagt: Es gab eine starke Akzentverschiebung von einer Art herbstlichen Ernte, deren Hauptziel eine Ergänzung des Speisezettels mit Wildfleisch war, hin zur Jagd als Element der Freizeit- und Hobbykultur. Das Vereinswesen wurde intensiviert und die Jagd mit importierten Elementen folklorisiert: Jagdhornbläser-Gruppen kamen auf, Hubertusmessen wurden populär, und mehr und mehr Bündner Jäger wandten sich auch dem Jagdtourismus im Ausland zu oder jagten als Gäste in Revieren des Unterlandes. Ohne Jagdhornbläser kommt heute auch in Graubünden kein grösserer Jagdanlass aus, was nicht einer gewissen Ironie entbehrt. Denn diese Blaserei ist ein Element aus der feudalen, hochritualisierten «Herrenjagd», von der sich Graubündens «Volksjagd» sonst doch so sehr abzusetzen sucht.

Ich erinnere mich an alte Bauernjäger, welche ja oft auch als Tagelöhner im Wald oder auf dem Bau etc. arbeiteten. «Ti cun tias vacanzas pagadas has bi ir a catscha – Du hast es gut, kannst während bezahlter Ferien auf die Jagd gehen», sagten sie etwa zu einem Jäger, der bei der Post oder Bahn arbeitete. Wollte heissen: Wenn sie für die Jagd der Lohnarbeit fernblieben, musste es auch rentieren, musste Beute gemacht werden. Sie konnten es sich nicht leisten, den Hosenboden nur zum Spass abzuwetzen. Tauchte dann etwa ein unbekannter Jäger im Tal auf, gab die potentielle neue Konkurrenz natürlich zu reden. Aber wenn jemand beobachtet hatte, dass der Fremde einen Tschoopen mit Hirschhornknöpfen trug, neigte man zur Ansicht, dass der adrett uniformierte Mann wohl nicht besonders gefährlich sei... Wer jedoch heute als Bündner Jäger keinen Gala-Anzug mit Hirschhornknöpfen im Schrank hat für die Trophäenschau, die Hubertusmesse oder die Delegiertenversammlung, gehört wohl zu einer kleinen Minderheit. Und wenn wir schon bei der Jagdmode sind und ich vorher die Feudaljagd erwähnte, die als «kleine Schwester des Krieges» verstanden wurde: Zumindest im Erscheinungsbild hat man sich dieser Metapher wieder angenähert. Heute sind so viele Jäger mit Tarnanzügen unterwegs, dass man meinen könnte, man habe eine syrische Miliz oder Angehörige eines US-Söldnerunternehmens vor sich.

Zu den kulturellen Veränderungen gehört aber selbstverständlich auch die Mediatisierung der Bündner Jagd, welche extrem zugenommen hat. Die allabendlichen Jägerwunschkonzerte von Radio Rumantsch mit den Erfolgsmeldungen, die Siegerbilder auf der Website von RTR und natürlich die grossen Umwälzungen, die das Smartphone auf der Jagd wie in allen anderen Lebensbereichen gebracht hat: Noch bevor der Hirsch aufgebrochen ist, wird er auf Facebook «geteilt». Aber dass ich solche Entwicklungen eher kritisch sehe, hat bestimmt auch mit meinem Alter zu tun...

 
 

Von: Prisca Roth
Gesendet: Montag, 9. September 2019 08:07
An: Peter Egloff
Betreff: AW: Jagd in Graubünden - Artikel für Raetia Publica

Gingest Du noch immer auf die Jagd, hätte ich zum jetzigen Zeitpunkt dieses Gespräch wohl kaum mit Dir führen können. Sag, wie ist es, wenn man nach so vielen Jahren die Entscheidung trifft, oder treffen muss, nicht mehr auf die Jagd zu gehen? Leidet man da unter Entzugserscheinungen?


Von: Peter Egloff
Gesendet: Montag, 9. September 2019 15:06
An: Prisca Roth
Betreff: AW: Jagd in Graubünden - Artikel für Raetia Publica

Dieses Jahr habe ich zum dritten Mal das Patent nicht gelöst. 2016 musste ich nach ein paar Tagen abbrechen – meine Knie waren den steilen Hängen der hinteren Val Sumvitg einfach nicht mehr gewachsen. Natürlich gibt es auch in Sumvitg viele Orte, wo man quasi noch mit dem Rollator auf Reh oder Hirsch ansitzen könnte. Aber die Gemsjagd an und über der Waldgrenze war eben die, die es mir von Beginn am meisten angetan hatte. Auf Carpet erlegte ich 1976 meine ersten drei Gemsen. Darum habe ich 2016 beschlossen, gleich ganz aufzuhören und den Martini definitiv in den Schrank zu stellen.

Im selben Jahr schlug ich allerdings dem Bündner Kunstmuseum eine Ausstellung zum Thema «Jagd in der Kunst» vor. Der Vorschlag wurde angenommen, und so habe ich die Ausstellung «Passion. Bilder von der Jagd» zusammen mit Direktor Stephan Kunz erarbeitet. Das bedeutete drei Jahre sozusagen «Jagd auf die Jagd» – im Kopf, in Museen, im Internet und in Bibliotheken. Und das war – auf ganz andere Art – mindestens so anspruchsvoll und herausfordernd wie die Felsen, die Grasbänder und die schnellen Grattiere von Carpet. Ich war dabei nicht zuletzt auch mir selber auf der Spur, beziehungsweise einer Tätigkeit, die mich doch 41 Jahre lang in ihren Bann gezogen hatte. Für Entzugserscheinungen blieb da gar nicht viel Zeit.


Von: Prisca Roth
Gesendet: Dienstag, 10. September 2019 18:17
An: Peter Egloff
Betreff: AW: Jagd in Graubünden - Artikel für Raetia Publica

Lieber Peter

Ich danke Dir ganz herzlich für diesen anregenden Gedankenaustausch! Morgen verreist Ihr in die Ferien, einige Ehefrauen von Jägern werden deine Partnerin beneiden, denke ich 😊. Ich wünsche euch einen tollen Urlaub.

Prisca


Von: Peter Egloff
Gesendet: Mittwoch, 11. September 2019 08:40
An: Prisca Roth
Betreff: AW: Jagd in Graubünden - Artikel für Raetia Publica

Auch ich bedanke mich, liebe Prisca, und grüsse herzlich aus der galleria del Gottardo, unterwegs nach Assisi, Perugia und Bologna.

Peter


Im Bündner Kunstmuseum kann noch bis 27. Oktober 2019 die Ausstellung Passion. Bilder von der Jagd besucht werden.



Zur Ausstellung ist ausserdem ein grosses, reich illustriertes Buch erschienen:

Passion. Bilder von der Jagd
Herausgegeben von Peter Egloff und Stephan Kunz.
Mit Beiträgen von Hans-Jörg Blankenhorn, Roland Borgards, Elisabeth Bronfen, Claude d’Anthenaise, Peter Egloff, Ursula Pia Jauch, Stephan Kunz, Maurice Sass, Peter Schneider und Jessica Ullrich und mit zahlreichen Jagdszenen aus der Feder grosser Schriftsteller von Camus, Gotthelf, Inglin, Maupassant und Pagnol bis zu Tolstoi, Tuor und Turgenev.
Verlag Scheidegger & Spiess, 2019, 328 Seiten, 49.00 Franken