Dringend gesucht: Hausärztin/-arzt unter 70

Schreckensdiagnose Hausärztemangel: Dem Kanton Graubünden gehen die Hausärzte in Pension. Aber wie übel ist die Situation tatsächlich? Während Statistiken in den Medien immerzu Alarm auslösen, versuchen Ärzte, einzelne Gemeinden und der Kanton dem drohenden Mangel die noch botoxfreie Stirn zu bieten – mit neuen Konzepten und reizvollen Arbeitsbedingungen.  Allerdings ist das – as usual – vor allem in der Peripherie schwierig.

von Sabrina Bundi

Sabrina Bundi ist Journalistin und Comicautorin.

Sabrina Bundi ist Journalistin und Comicautorin.

«Dem Kanton gehen die Hausärzte aus», «Jeder zweite Hausarzt will seine Praxis schliessen», «Wegen Hausärztemangel: Wird der Apotheker zum Medizinmann»… Schlagzeilen wie diese drängen sich einem spätestens bei der nächsten Grippe wieder in den fiebrigen Sinn. Denn sollten sie wirklich die Zukunft prophezeien, wird das Gesundheitssystem in den nächsten 10 Jahren überlastet sein, was heisst: Die Fahrt zum Hausarzt dauert a) viel länger (vor allem wenn man am «musculus gluteus» der Welt wohnt – und wer will schon mit 39,3 Grad Fieber im Auto delirieren). Und b) wird bei nicht-Notfällen, wie beispielsweise einem eingewachsenen Zehennagel, die Wartezeit für Termine endlos.

Aber noch ist der Hausarzt – in der Regel männlich, mit eigener Praxis und bereits (ohne ungalant sein zu wollen) grauen oder lichten Haaren – in der Nähe. Noch.

Im Jahr 2015 waren in Graubünden laut Bericht Gesundheitsversorgung 2017 des Kantons Graubünden 386 Ärztinnen und Ärzte registriert, davon waren 231, also 60 Prozent, Hausärzte. Eine Umfrage des Ärztenetzwerks Grisomed aus dem Jahr 2013 prognostiziert für das Jahr 2023 einen Mangel von rund 7000 Stellenprozenten infolge Pensionierungen. Eine Studie des Vereins Junge Hausärzte Schweiz aus dem Jahr 2016 sagt schweizweit voraus, dass in 10 Jahren nur noch jede zweite Praxis besetzt sein wird.

Ein Generationenwechsel findet statt…

…und Graubünden ist mitten drin. War es vor 20 bis 40 Jahren für Hausärzte noch wichtig, eine eigene Praxis als Vorsorge aufzubauen, will die Generation Y (die mit neuer Gesetzgebung zur beruflichen Vorsorge aufwächst), vor allem eine ausgewogene Work-Life-Balance. Besagte Studie der Jungen Hausärzte Schweiz ergibt: Junge Hausärztinnen und Hausärzte wollen geregelte Arbeitszeiten, am liebsten (90 Prozent von ihnen), in einem Angestelltenverhältnis. Sie wollen weniger administrativen Aufwand, eine angemessene Entlöhnung und ein Teilzeitpensum von etwa 70 Prozent – und zwar nicht nur junge Ärztinnen, sondern auch junge Ärzte.

«Nicht nur Frauen, auch Männer wollen Teilzeit arbeiten. Der Grund: eine ausgewogene Work-Life-Balance.»

Nur: Mit einem Teilzeitpensum lässt sich keine eigene Praxis führen, deshalb steht auf der Wunschliste der Studienabgänger ganz oben die Gruppenpraxis. 86 Prozent der Befragten möchten im Kollektiv arbeiten, 11 Prozent in einer Doppelpraxis und nur 2 Prozent favorisieren die Einzelpraxis.

Die Gemeinschaftspraxis – das Modell der Zukunft?

Auch in Graubünden gibt es mittlerweile viele Beispiele, wo sich Hausärzte zur Gemeinschaftspraxis zusammengetan haben. In Thusis teilen sich Hausärzte Räume und Apparate mit dem Spital, in Küblis hat sich eine ganze Ärztefamilie zusammengetan, in Zernez gibt es eine Gemeinschaftspraxis, welche die eher unbequemen Büroarbeiten wie Rechnungen stellen, outgesourced hat und sie in Chur von Grisomed machen lässt.

Allerdings bedeuten auch Gruppenpraxen für die Regionen eine Zentralisierung, wenn auch nur im Kleineren: «Auch Coop und Migros bauen keine Filiale dort, wo es keine Kunden hat», sagt Rudolf Leuthold, Leiter des Amts für Gesundheit des Kantons Graubünden. Für die Peripherie in Graubünden scheint deshalb die von 11 Prozent der Studienteilnehmer bevorzugte Zweierpraxis Potential zu haben. Auch für dieses Modell gibt es in Graubünden schon mehrere Beispiele: Martin Tomaschett, Hausarzt in Trun, hat eine junge Ärztin Teilzeit engagiert. Gian Bundi, Hausarzt in Vella, wird ebenfalls mit seinem Nachfolger Mario Venzin bis zur Pensionierung im Doppel praktizieren.

Tarmed und Taxwertpunkte

Tarmed wird hergeleitet aus «Tarif médicinal» und legt seit 2004 die Tarife für ambulante Leistungen der Ärzte in Arztpraxen und Spitälern in der Schweiz fest. Erstellt wird er von der Ärzteschaft FMH und der Santésuisse.

Er regelt mit einem Punktesystem beispielsweise, wie viel der Hausarzt für Operationen, das Studium der Akten, für Telefonate mit Patienten oder für die Blutabnahme abrechnen kann. Ausserdem gibt er vor, wie viel Kosten für Patienten und Patientinnen anfallen und wie viel die Krankenkassen übernehmen.

Tarmed ist neben dem Taxwertpunkt mitentscheidend für den Lohn der Hausärzte. Wie hoch jeder Punkt im Tarmed tatsächlich abgerechnet wird, wird mittels Taxwertpunkten bestimmt – auch diesen Wert bestimmt die Ärzteschaft zusammen mit Krankenversicherern und dem jeweils kantonalen Ärzteverein. In Graubünden liegt der Taxwertpunkt bei 0.83 Franken – gleich hoch wie in anderen ostschweizer Kantonen.

Was den Beruf unattraktiv macht

Die Gründe, warum immer weniger Hausärztinnen und Hausärzte in Graubünden praktizieren wollen, sind: Tarife, Tarmed, Dignität, Notfalldienst und: Spezialisierung.

Es ist tatsächlich so, dass, ähnlich wie in Grey‘s Anatomy, die Cardio-Göttin und der Neuro-McDreamy bei Assistenzärzten beliebter sind als der Landarzt Dr. Karsten Mattiesen. Spezialisiert auf einem Gebiet, bekommen sie in der Medizinwelt nicht nur mehr Anerkennung, sondern gemäss aktuellem Tarmed (siehe Kasten) auch mehr Lohn.

«McDreamy wirkt auf Studienabgänger sexyer als der Landarzt Dr. Karsten Mattiesen»

«Nach dem Staatsexamen kommen die jungen Assistenzärztinnen und -ärzte in ein Krankenhaus, wo sie zuerst auf Spezialisten treffen, und nicht auf Hausärzte», sagt Martin Tomaschett. Tatsächlich existiert im Kanton Graubünden seit mehreren Jahren das Projekt Capricorn, das Assistenzärzte für ein halbes Jahr vom Spital in die Hausarztpraxen schickt. Ein Modell, das gut und erfolgreich funktioniert, wie Rudolf Leuthard bestätigt. Trotzdem bleibt oft die Spezialisierung attraktiver, weil «Hausärzte gleich nach dem Studium ‚geschnitten‘ werden», sagt Martin Tomaschett. Ihm wäre im Übrigen eine Spezialisierung zu langweilig: «Ich möchte nicht täglich nur die Prostata behandeln, als Hausarzt habe ich viel mehr Abwechslung.»

Was Hausärzte dürfen und was nicht

Hausärzten wird vorgeschrieben, wie sie Patienten behandeln dürfen. «Sie können zum Beispiel ein EKG machen, vielleicht noch ein Röntgen ohne Lendenwirbel, dann noch etwas Labor und das war‘s», sagt Tomaschett. Er selber habe ausserdem die Ausbildung für Ultraschall, Magenspiegelung, Dickdarmspiegelung und Herzbelastung noch vor der Einführung des Tarmeds absolviert. Nach Einführung des Tarmeds seien – zum Beispiel für die Lizenz zum «Ultraschallen» – 300 supervisierte Ultraschalls und mehrere Kurse, Wiederholungskurse und Kontrollen mittels Testatheft nötig geworden. «Würde der Tarmed den Hausärzten mehr diagnostische Möglichkeiten zugestehen, würde das den Job interessanter machen», ist Tomaschett überzeugt.

«Würde der Tarmed den Hausärzten mehr diagnostische Möglichkeiten zugestehen, würde das den Job interessanter machen.»
Martin Tomaschett, Hausarzt in Trun

Aber: Auf die Bestimmungen und Vorschriften im Tarmed hat der Kanton keinen Einfluss. Wie Rudolf Leuthold erklärt, wird der Tarmed in der Vernehmlassung zwar den Kantonen vorgestellt, aber der Bundesrat beschliesst. A propos Tarmed: Tarmed definiert zusammen mit den sogenannten Taxwertpunkten, wer welche medizinische Leistung wie abrechnen kann - ein weiterer Grund für die Unattraktivität des Hausärzteberufes in Graubünden. 

Tarmed bringt Besserung für Hausärzte, das Problem Peripherie bleibt

Kürzlich erklärte Bundesrat Alain Berset, dass die Grundversorger, sprich die Hausärzte, mit der aktuellen Änderung des Tarmeds besser gestellt werden sollen.

Graubünden bleibt allerdings mit 83 Rappen pro Tarmedpunkt und fehlender Selbstdispensation (ein weiterer Grund, der später erklärt wird) am unteren Ende der Schweizer Hausärzte-Nahrungskette.

«Graubünden bleibt – trotz neuem Tarmed – am unteren Ende der Schweizer Hausärzte-Nahrungskette.»

Im Kanton Jura beispielsweise beträgt der Tarif 1,02 Franken, im Kanton Zürich 89 Rappen. Könnte der Wert für Praxen in der Peripherie nicht erhöht werden, um den Job in den Regionen aufzuwerten? Leider nein – Rudolf Leuthold nennt den Hauptgrund: «Das müsste kostenneutral geschehen, also müsste man den Taxwertpunkt in den Städten dafür senken, und so viel Solidarität ist dann doch nicht zu erwarten.»

Was Gemeinden tun… oder nicht

Zwar können die Gemeinden in der Peripherie nicht mit höheren Taxwertpunkten punkten, aber trotzdem können sie – wenn sie wollen – attraktivere Bedingungen für Hausärztinnen und Hausärzte schaffen. Ein paar Beispiele: Alvaneu hat den Deutschen Arzt Harald Jung, dessen Kinder jedes Jahr das Zirkuslager besuchten, anlocken können – mit angenehmen Immobilienpreisen, guter Lage, Primarschule und der Nähe zu Davos. Die Gemeinde habe sich zudem bei der Suche nach einem geeigneten Wohnhaus behilflich gezeigt. In Safien hat die Gemeinde dem neuen Hausarzt Jeroen van Amelsfoort aus Holland eine moderne Praxis eingerichtet. Auch in Vella baut die Gemeinde die neue Praxis, die Bundi und Venzin mieten werden.

Aber es gibt auch Beispiele die zeigen, dass die Vorstellungen von Hausärzten und Gemeinde auseinandergehen können. Hausärzte sind Privatwirtschafter – ihre Praxis ist ihr Geschäft, das Gesundheitswesen ihr Markt. In Ilanz beispielsweise wollte die Gemeinde in den Räumen des ehemaligen Spitals eine Gruppenpraxis einrichten. Das Projekt scheiterte, Gemeindepräsident Aurelio Casanova vermutet Skepsis der Hausärzte gegenüber einer Praxis so nahe beim Spital (siehe Interview unten).

In vielen Gemeinden sei die Situation (laut Angaben der Gemeinden), auch noch nicht akut. Wie Rudolf Leuthold berichtet, habe der Kanton erst kürzlich bei den Gemeinden eine Umfrage zur medizinischen Versorgung durchgeführt. Nur ein Drittel der Gemeinden habe angegeben, dass in Zukunft Probleme auftreten könnten, «zwei Drittel der Befragten sind überzeugt, alles laufe bestens, aber ich glaube, dass viele Gemeinden sich des Problems erst dann bewusst werden, wenn ein Arzt aufhört».

Ein weiterer Grund: Keine Selbstdispensation – niedrigeres Einkommen

Selbstdispensation bedeutet, dass der Hausarzt dem Patienten Medikamente abgeben darf. Oder eben nicht – in Ortschaften mit Apotheke darf der Arzt eben dies nicht tun (oder dann nur die kleinste Packung). Ein Geschäft, das bis zu 20 Prozent des Einkommens von Hausärzten ausmacht. Im benachbarten St. Gallen verdient ein Hausarzt für die gleiche Arbeit also mehr, weil er Medikamente abgeben kann. Diesem Umstand wollte letztes Jahr FDP-Grossrätin Anna-Margreth Holzinger-Loretz mit einem parlamentarischen Vorstoss ein Ende bereiten und eine Neubeurteilung durchsetzen. Eine, die sowohl die Anliegen der Ärzte als auch jene der Apotheker umfassen muss.

Der Notfalldienst – eine üble Pflicht?

Ebenfalls öfter gennant als Grund für den «Unreiz» des Hausärzteberufs ist der Notfalldienst. Jede Hausärztin und jeder Hausarzt ist dazu verpflichtet, Notfalldienst zu leisten – vom Gesetz für Medizinalberufe verordnet. Natürlich gibt es Ärzte, die genau aus diesem Grund den Beruf gewählt haben: Tag und Nacht parat ein Leben zu retten. Allerdings braucht es genug Leute für eine gute regionale Abdeckung, je weniger es sind, desto mehr Pikett muss jeder Einzelne übernehmen, desto mehr werden die Ärzte ausgelaugt. Martin Tomaschett bringt ein Beispiel: «Ich hätte für eine Patientin einmal von Trun an einen laut Google 32 Minuten entfernten Ort fahren müssen. Mit zwei Baustellen und Ampeln wurden es schon 37 Min. Sie hatte einen anaphylaktischen Schock und bis ich dort gewesen wäre, wäre sie bestimmt gestorben. Ich habe dann den Rettungsdienst des Spitals alarmiert und dieser war glücklicherweise rechtzeitig vor Ort.»

Besserung ist vorgesehen

Wie Marc Tomaschett, Geschäftsführer des Bündner Ärztevereins und ja, Bruder von Martin Tomaschett, erklärt, steht mit der neuen Gesundheitsgesetzgebung ab Januar 2018 auch ein neues Notfallkonzept auf dem Tisch, das die Arbeit zwischen dem Rettungsdienst der Spitäler, dem 144, und den Hausärzten intensivieren soll. «Es ist vorgesehen, dass beispielsweise Rettungssanitäter mehr Kompetenzen erhalten, sodass nicht immer der Hausarzt ausrücken muss». Und Rudolf Leuthold ergänzt: «Unsere Spitäler sind gut auf die Regionen verteilt und jedes hat einen Rettungsdienst. Im Notfall können wir in 90 Prozent der Fälle innerhalb vom 15 Minuten vor Ort sein.»

Auch Hausarzt Martin Tomaschett kommt beim Thema «Neue Modelle für den Rettungsdienst» ins Schwärmen: «Ich denke da an diese sehr kompetenten fliegenden Krankenschwestern in Australien, oder dann gab es früher fast in jeder Gemeinde eine Hebamme. Wenn man den Pflegeberufen wie Rettungssanitätern, Spitex, oder Praxisassistenten mehr Kompetenzen geben könnte, würde das die Hausärzte etwas entlasten.» Und, ein Exkurs am Rande: Moderne Kommunikationsmittel könnten ebenfalls unterstützend eingesetzt werden: Stichwort «Telemedizin». Was nach Mike Shiva mit Stethoskop klingt ist nichts anderes, als ein Bildschirm mit Skype und Arzt am anderen Ende in Hinterzimmern von Apotheken.

Stichwort «Telemedizin»: Was nach Mike Shiva mit Stethoskop klingt ist nichts anderes, als im Hinterzimmer einer Apothek mit einem Arzt zu skypen.

Etwas Ähnliches machen heutzutage die Spitex-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Tomaschett übrigens ganz automatisch. «Ich bekomme manchmal eine Whats-App mit einem Bild von jemandem von der Spitex, wo ich kurz nach Rat gefragt werde».

Auch die Kompetenzverteilung für Pflegeberufe werde momentan auf Bundesebene diskutiert, verrät Rudolf Leuthold. «Advanced nursing practice» heissts und bedeutet, dass gut ausgebildetes Pflegepersonal «Bagatellen» übernimmt. Allerdings sei es noch zu früh, um Konkreteres dazu zu sagen.

Sowohl auf Bundesebene als auch kantonal und kommunal wird also bereits rege versucht, die Schreckensdiagnose Hausärztemangel schon ihren Keimen zu ersticken. Das wichtigste Rezept: Eine erhöhte Dosis Attraktivität für den Hausärzteberuf.

 

 
Peter Flury ist pensionierter Arzt und arbeitet Teilzeit am Medizinischen Zentrum «Gleis d» in Chur.

Peter Flury ist pensionierter Arzt und arbeitet Teilzeit am Medizinischen Zentrum «Gleis d» in Chur.

Dr. Peter Flury

Man hat früher ein grösseres Pensum bewältigt. Den Entscheid, Hausarzt zu werden, habe ich bereits während meines Studiums gefällt. Ich wollte mich nicht spezialisieren, mich interessiert die gesamte Palette. Unser Beruf ist sehr bereichernd. Manche Menschen habe ich über 30 Jahre lang begleiten dürfen, und die Abwechslung ist gross. Natürlich auch die Verantwortung! Eine der wichtigsten Aufgaben des Allgemeinpraktikers ist das Erkennen potenziell gefährlicher Situationen.

Mehr als 20 Jahre lang habe ich meine Praxis alleine betrieben. Als ich in neue Räumlichkeiten umzog, packte ich die Gelegenheit beim Schopf und gründete mit einer Kollegin und einem Kollegen eine Gemeinschaftspraxis. Beide waren Eltern von kleinen Kindern, ich selber wollte ab 60 auch etwas kürzer treten, so war das für uns eine ideale Lösung.

Nach meiner Pensionierung mit 66 habe ich zunächst über ein Jahr lang nicht gearbeitet. Dann wurde ich vom Medizinischen Zentrum gleis d in Chur angefragt, ob ich bei ihnen mitarbeiten wolle. Das war ein Glücksfall, denn ich bin noch fit und spielte ohnehin mit dem Gedanken, tageweise wieder als Arzt tätig zu sein. Beim gleis d arbeite ich nun während zwei Tagen pro Woche und helfe gelegentlich in meiner früheren Davoser Praxis aus.

Früher herrschte in der Schweiz kein Hausärztemangel, weil jeder ein viel grösseres Pensum bewältigte. Meist waren es Männer, heute sind es mehrheitlich Frauen die sich für die Grundversorgung entschliessen. Mit der Einschränkung, dass sie kein volles Pensum leisten können – und auch nicht wollen!

Natürlich kann es in einem abgelegenen Bündner Bergdorf sehr problematisch sein, einen Nachfolger zu finden. Aber die hauptsächlichen Gründe liegen woanders. Gemessen an der körperlichen und seelischen Belastung, die ein Hausarzt in kleineren Ortschaften hat, ist der Lohn doch eher bescheiden. Finanziell waren wir schon früher schlechter gestellt als viele Spezialisten, aber nicht in diesem Masse wie heute. Es bleibt die Hoffnung, dass unser Beruf wieder attraktiver wird. Erste Bestrebungen laufen, man versucht es mit anderen Ausbildungs- und Arbeitsformen sowie Tarifverbesserungen. Aber es bleibt schwierig.

 

 
Ingo Kaczmarek, Hausarzt aus Deutschland in Vals.

Ingo Kaczmarek, Hausarzt aus Deutschland in Vals.

Prof. Dr. med. Ingo Kaczmarek

Warum haben Sie in einer Bergregion eine Praxis übernommen?

Meine Frau und ich lieben die Berge, das Wandern, das Skifahren, die Natur. Wir haben schon oft unseren Urlaub in der Schweiz verbracht. Ich hatte in meiner Anstellung als Oberarzt in einer Klinik in München für diese Dinge schlicht keine Zeit mehr.

Wie sind Sie auf die Stelle aufmerksam geworden?

Durch ein Inserat im «Deutschen Ärzteblatt». Die Gemeinde hat mit dem Praxisvorgänger das Inserat geschaltet, nachdem in der Schweiz in 2 Jahren kein Nachfolger gefunden werden konnte.

Was waren Ihre Bedenken bevor Sie die Stelle angenommen haben?

Die Horrormeldungen der Boulevardpresse, dass Deutsche in der Schweiz nicht willkommen seien. Nach meiner Erfahrung kann ich das für Vals nicht bestätigen.

Was hat Sie dann doch überzeugt?

Die Freundlichkeit der Menschen, die Hilfsbereitschaft der Gemeinde sowie jene meines Vorgängers Dr. Stierli und die Wertschätzung der Hausarztpraxis im Dorf durch die Bevölkerung. Vielleicht sollte man auch mal sagen, dass man als Hausarzt einen sehr vielseitigen Beruf hat, sehr intensiv mit den Patienten arbeitet und sehr viel geben kann, was auch von den meisten Patienten mit Dankbarkeit und Wertschätzung belohnt wird. Das kann man nicht mit Zeit und Geld aufrechnen.

 

 
Mario Venzin ist stellvertretender Leitender Arzt im Regionalspital Ilanz. Er übernimmt ab 2021 die Hausarztpraxis in Vella.

Mario Venzin ist stellvertretender Leitender Arzt im Regionalspital Ilanz. Er übernimmt ab 2021 die Hausarztpraxis in Vella.

Dr. med. Mario Venzin

Ord tgei motivs fageis Vus il pass dil spital en ina pratica da miedi da casa?

Il pli impurtont: per esser igl agen schef - per saver far la sort medischina che perschuada mei, per far liber cu jeu vi, per saver tschentar ensemen miu agen team. Simplamein per esser independents. Plinavon ves‘ins igl entir spectrum dalla medischina. E sco miedi da casa han ins era ina pli stretga relaziun cun ils pazients.

Tgei dubis/retenientschas haveis Vus da surprender ina pratica?

Ins va en ina pli gronda resca finanziala che da restar emploiaus en in spital.

Bia cass interessants ston ins termetter vinavon en spital ni tier in specialist perquei ch‘ins sa buca haver en pratica tut las pusseivladads, sco p. ex. apparaturas ni plaz per survigilar pazients.

Con impurtont eis ei per Vus che la pratica ei moderna?

Plitost impurtont. Dad in maun ord motivs estetics - ins sesenta meglier sche ins lavura en ina biala localitad. Da l‘auter maun denton era ord motivs higienics e tecnics. Per exempel ein praticas veglias buca idealas per sistems dad EDV, certas ein gnanc accessiblas cun sutga da rodas.

Co savess la vischnaunca/il cantun porscher maun a giuvens miedis per ch'els vegnan pli tgunsch el Grischun?

Per che miedis giuvens suprendien ina pratica el provediment da basa, savess il maun public forsa dar ina segirtad finanziala. Jeu manegiel buca subvenziuns, gliez fa normalmein buc basegns, mobein forsa in emprest per la partenza ni ina garanzia da deficit pils emprems tschun onns.

 

 
Simona Tam Schwarzen arbeitet am Medizinischen Zentrum «Gleis d» in Chur.

Simona Tam Schwarzen arbeitet am Medizinischen Zentrum «Gleis d» in Chur.

Dr. med Simona Tam Schwarzen

Warum haben Sie sich für den Beruf Hausärztin entschieden?

Unser Beruf ist sehr abwechslungsreich, kein Tag gleicht dem anderen – von jung bis alt, akut wie auch chronisch, Prophylaxe bis Therapie, Unfall und Krankheit… Ausserdem ist man unabhängig und selbstständig.

Welche Vorteile hat es in einer Gemeinschaftspraxis zu arbeiten?

Es ist Teilzeitarbeit möglich. Ausserdem sind die Patienten auch versorgt, wenn ich abwesend bin. Ein weiterer wichtiger Punkt: Die Teamarbeit mit Spezialisten und anderen Hausärzten ist sehr nützlich. Beispielsweise können Geräte gemeinsam genutzt werden, und es findet ein reger Wissensaustausch statt.

Ich habe eine eigene Praxis und bin selbständig, aber in einer Gruppe. Es werden nur die Geräte, das Sekretariat und das Personal gemeinsam benutzt. Alleine würde sich eine eigene Infrastruktur für ein 50% Pensum niemals lohnen

 

 
Aurelio Casanova ist Gemeindepräsident von Ilanz.

Aurelio Casanova ist Gemeindepräsident von Ilanz.

Aurelio Casanova

Die Gemeinde Ilanz wollte im Jahr 2014 eine Gemeinschaftspraxis in den Räumen des Spitals einrichten. Das Projekt wurde aber nicht realisiert…

Anfangs 2014 sind die Hausärzte auf die Gemeinde zugekommen und haben ihrer Sorge über die medizinische Grundversorgung in der Region Ausdruck gegeben. Grund war die bevorstehende Alterspensionierung mehrerer Hausärzte. Dabei wurde auch die Möglichkeit einer Gemeinschaftspraxis diskutiert. Die Gemeinde hat in einer kleinen Arbeitsgruppe zusammen mit den Hausärzten, mit Grisomed und dem Spital mögliche Wege geprüft. Im Personalhaus des Spitals hätten kurzfristig Räumlichkeiten für eine Gemeinschaftspraxis bereitgestellt werden können. Dies hätte auch die Möglichkeit für Synergienutzungen zwischen Spital und Hausärzten geschafft. Leider konnte diese Idee dann doch nicht umgesetzt werden. Die genauen Gründe sind nicht so klar, vermutlich hat es aber damit zu tun, dass die Hausärzte zwischenzeitlich eine Nachfolge für die bestehende Praxis gefunden haben. Zudem war eine gewisse Skepsis der Hausärzte bezüglich einer Praxis so nahe beim Spital zu spüren. Ich bin aber nach wie vor der Meinung, dass mittelfristig eine Gemeinschaftspraxis in Ilanz sinnvoll wäre.

Was könnte denn die Gemeinde unternehmen, um Ärzte in die Region zu locken?

Ilanz ist das Zentrum der Region Surselva und in Ilanz und rund um Ilanz entsteht viel Wohnraum. Auch Alterswohnungen sind in Ilanz geplant, so dass eigentlich genügend Potenzial für Hausärzte vorhanden sein sollte. Die Gemeinde selbst kann wohl nur in bescheidenem Mass den Zuzug von Hausärzten beeinflussen. Es ist einfach Fakt, dass es überall schwierig wird, Hausärzte zu finden. Die Gemeinde ist nach wie vor bereit, an geeigneten Lösungen für künftige Praxisgemeinschaften mitzuarbeiten und im Rahmen ihrer Möglichkeiten auch nach geeigneten Lokalitäten zu suchen.