Die letzten Tage von Graubünden

Das Bild des unverfälschten Schweizers, das für die Bündner so positiv besetzt ist, ist heute zerrüttet: Die erfundene Sehnsucht nach dem einfachen Hirtenvolk in den Köpfen der Städter hat seinen Ursprung im Alpenmythos, der im 18. Jahrhundert den Tourismus auslöste und jahrelang die Kassen klingeln liess. Stoff, aus dem auch die Schweiz gemacht wurde. Zwischen Liebesgeschichte und Katastrophenkultur entwickelten sich so Postkartenansichten und Bündner Empfindlichkeiten – doch Mythen wandeln sich. Und das Bündner Selbstbewusstsein zeigt in der Aussensicht Anzeichen einer Krise. 

von Larissa M. Bieler

 Larissa Margot Bieler aus Bonaduz ist Germanistin und Chefredaktorin von Swissinfo.ch. Davor war sie Chefredaktorin beim Bündner Tagblatt. 

Larissa Margot Bieler aus Bonaduz ist Germanistin und Chefredaktorin von Swissinfo.ch. Davor war sie Chefredaktorin beim Bündner Tagblatt. 

Das nationale Bewusstsein hat sich in der Schweiz immer schon auf die ländliche Welt abgestützt. Nationale Mythen und Klischees als Produkt zeugen von dieser Identifikation mit den Berglern, damit verbunden die wieder erstarkte Euphorie nach Ursprünglichkeit und unberührter Natur.

So spiegelt sich das Thema des «einfachen» Landlebens seit einigen Jahren in einer ganzen Generation urbaner Hipster wider, die nicht mehr von der Karriere, sondern von Familie, einer Hühnerzucht und eigenen Zucchetti im Garten träumen und sich vor allem den schönen Dingen des Lebens widmen wollen. Das ist natürlich auch ein medial inszeniertes Bild.

Mit der Realität des Lebens auf dem Land hat die romantische Schwärmerei junger Städter dennoch nichts zu tun. Die etwas ältere Generation von Schweizerinnen und Schweizer kennt tatsächlich noch, was mit dem Slogan «Ferienecke Graubünden» beworben wurde – mit Eltern und Grosseltern kam man regelmässig in Berührung mit den Bergen, für Skitouren, Wanderungen und immer wieder auch für Ferien. Graubünden, der Freizeitraum.

Das Gefühl der Naturverbundenheit, für die einen individueller Lebensstil, war für viele andere längst zur zweiten Heimat geworden.

«Ohne Graubünden wäre die Schweiz ein armes Land», titelte die damalige Zürcher FDP-Nationalrätin und spätere Ständerätin Trix Heberlein einst auf der Klartext-Seite im «Bündner Tagblatt». Die Einsicht allerdings, so sagt sie, dass ihre Ferienecke für andere auch «Arbeitsecke» bedeute, sei ihr erst spät gekommen. Als grösste Herausforderung bezeichnete sie das Anliegen, die sich «wandelnden Erwartungen der Besucher der Ferienecke mit den existentiellen Bedürfnissen der Bewohner der Arbeitsecke in Einklang zu bringen.»

Die Problematik hat an Bedeutung gewonnen, der Stadt-Land-Konflikt verschärft sich, der ökonomischen Abhängigkeit stehen ökologische Vorlieben gegenüber. Und gerade in der Wertekultur prallen Fremdbild und Selbstbild jüngst ganz gehörig aufeinander. Der Stadt-Land-Konflikt zeige sich politisch besonders stark, wenn es um traditionelle Werte gehe, erklärt der Schweizer Politologe Claude Longchamp (siehe Kasten). 

«Graubünden als verklärtes Idol des Unterlandes, das stösst beim 'pur suveran‘ hierzulande schnell sauer auf.»
Claudio Willi, Emser Historiker und Journalist

«Graubünden als verklärtes Idol des Unterlandes, das stösst beim 'pur suveran‘ hierzulande schnell sauer auf: ‚Sie wohnen im Unterland und sagen wie wir hier zu leben haben‘, das kommt nicht gut an», sagt der Emser Historiker und Journalist Claudio Willi. Und fügt hinzu: «Die Abstimmung zum Parc Adula lässt grüssen».

Longchamp: «Man will Abhängigkeit politisch nicht akzeptieren»

Der Graben zwischen Stadt und Land tut sich auch in der politischen Kultur immer wieder auf. Doch heute ist er weniger ökonomischer als kultureller Natur. «Der Wertekonflikt ist der jüngere und der aktuell wachsende», erklärt der Politologe Claude Longchamp. Der Stadt-Land-Konflikt sei besonders dann stark ausgeprägt, wenn es um traditionelle Werte gehe. Am deutlichsten zeigte sich dies bisher bei der Waffenschutz-Initiative 2011, die Städte waren für die Initiative, das Land dagegen. «Von den Gegnern wurde mit einem zertretenen 1.-August-Lampion für ein Nein geworben, als Symbol für die traditionellen Schweizer Werte, die es zu bewahren galt», erinnert Longchamp. Die Initiative wurde letztlich mit 56,3 Prozent der Stimmen abgelehnt.

Der Konflikt zwischen Zentren und peripheren Gebieten wird heute auch als Globalisierungskonflikt interpretiert. Dieser hat seinen Ursprung in den 1830er Jahren und steht im Zusammenhang mit dem Liberalismus der Marktöffnung. Der Schutz der Produktion auf dem Land wurde damals abgebaut und hin zu den städtischen Interessen des Bürgertums verlagert. Dies, so Longchamp, könne man als «frühen Globalisierungskonflikt» betrachten. Heute stecke man in einer neuen Phase der Marktöffnung. «Auf der einen Seite stehen die urbanen, kommunikativ stark vernetzten, wirtschaftlich dynamischen und kosmopolitischen Gebiete, auf der einen Seite das Land, das von den Städten abhängig ist, aber diese Abhängigkeit politisch nicht akzeptieren möchte», so Longchamp.

Der Stadt-Land-Konflikt sei aber nicht eindeutig schematisierbar, so Longchamp. Im städtischen Raum gibt es die Agglomeration und auch Graubünden könne beispielsweise nicht einfach zum Land gezählt werden, da es weitgehend touristisches Land sei. Von den wirklich armen agrarischen Gebieten ist dies ökonomisch zu unterscheiden.

Quelle: Larissa M. Bieler

«Schmeichelhafte Vorurteile»

Dennoch sind die Bündnerinnen und Bündner mit einem Wohlwollen konfrontiert, das die Bündner Journalistin Magrit Sprecher schon vor rund 30 Jahren zu ergründen versuchte. «Die Bündner sind Opfer äusserst schmeichelhafter Vorurteile», schreibt sie im Buch «Bündner», das 1985 erschien. «Vielleicht, weil sie einen gewissen Seltenheitswert besitzen und die Wahrheit nicht immer leicht zu überprüfen ist: Es gibt bloss 170‘000. Vielleicht auch, weil ihnen das schönste, gebirgigste Sechstel der Schweiz gehört. Das bewirkt, dass wohlwollende Mitmenschen in ihnen direkte Verwandte der Berge samt dazugehöriger hehrer Eigenschaften sehen.»

So sind die Bündnerinnen und Bündner Objekte einer subjektiven Wahrnehmung, die wohl weniger dem sympathischen Dialekt, als der Entstehung und vor allem der Wirkungskraft des mächtigen Alpenmythos geschuldet ist. Das Porträt des zufriedenen, einfachen und naturverbundenen Hirten ist kein ideologischer Schwindel, sondern verfestigt sich in einem Bild, das mit seinem Ursprung im Humanismus und später nochmals im Ruf des Genfer Philosophen Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) fand: «Zurück zur Natur!». Junge, reiche Engländer kamen, aber auch die Franzosen lockte dieser Ruf. Der Schrecken war von den Gipfeln gewichen, und so nahm ein Prozess seinen Lauf, in dem sich letztlich auch das Schweizer Selbstbild bis in die neuste Zeit verfestigte.

Noch bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts allerdings galten die Berge als ungastlich und wild, ihre Bewohnerinnen und Bewohner als «blutrünstige Söldner und grobschlächtige Bauern». Erst Reiseberichte haben dieses Bild in ein positives gewandelt und die Auffassung von Natur verändert. Vor allem aber auch die Literatur und Kunst regte den Appetit an, diese Bergbewohner kennenzulernen. Das Gedicht «Die Alpen» (1729) des Berner Naturforschers Albrecht von Haller (1708-1777) widmete sich vor allem auch den Menschen, die in den Alpentälern lebten. Das Gedicht, das mit dem Imperativ beginnt: «Versuchts, ihr Sterbliche, macht euren Zustand besser», idealisiert und überhöht das Bild des einfachen Bergvolkes. Gemäss dem Germanist Peter von Matt soll kein Werk der Schweizer Literatur vergleichbar stark auf die europäische Zivilisation eingewirkt haben – und unter diesem Druck ist die europäische Intelligenzia in die Schweiz gereist.

Albrecht von Hallers «Die Alpen» aus «Versuch von Schweizerischen Gedichten», Bern, 2. Auflage, 1734, liegt in der Berner Burgerbibliothek zur Ansicht auf. (Bild zVg)

«Was es nämlich vor Augen rückte, war nichts anderes als die reale Existenz des Goldenen Zeitalters in den Schweizer Bergen. Jedermann konnte hingehen und die ideale menschliche Gesellschaft mit eigenen Augen betrachten», schreibt von Matt mit kritischem Blick in seiner preisgekrönten Aufsatzsammlung «Das Kalb vor der Gotthardpost». Und so wollte man dieses «vorbildliche Volk der Hirten» kennenlernen, «und in seiner Gesellschaft entspannt und glücklich das Leben geniessen». Die Sprengkraft des Gedichtes liegt denn auch darin, dass dies vor Ort überprüfbar war. Das Volksvergnügen im alpinen Wintersportort war geboren. Und mündete in ein Tourismus-, Fitness-, und Wellnessland.

Wie ein Phönix aus Schutt und Asche

Im Aufbau des Selbstverständnisses der Schweiz hat Graubünden aber auch unfreiwillig eine bedeutende Rolle gespielt. Im Gegensatz zu den Feriengästen hatten die Gastgeber in den Bergen immer wieder existenziell zu kämpfen. Der Pathos um die «Erhabenheit» des Gebirges ist bei den Einheimischen oft Bedrohung und Belastung – davon zeugen zahlreiche Katastrophen: Lawinen, Bergstürze und Hochwasser.

Naturkatastrophen kamen allerdings eine nationale Bedeutung zu, sie lösten regelrechte «Schübe nationaler Integration» aus. Es wurde viel Geld gesammelt. Die enorme Solidaritätswelle wussten die Behörden zwanzig Jahre nach der Gründung des modernen Bundesstaates 1848 als Symbole für ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu deuten. «Die Hilfsaufrufe des Bundesrats tönen wie die Mobilisierung gegen einen Kriegsfeind - die Naturgewalt», erklärt der Umwelthistoriker Christian Pfister im «Bund» zur Herausgabe seines Sammelbands «Am Tag danach».

«Die Hilfsaufrufe des Bundesrats tönen wie die Mobilisierung gegen einen Kriegsfeind - die Naturgewalt.»
Umwelthistoriker Christian Pfister im «Bund»

Noch heute wirken die fürchterlichen Szenen nach. Der Schweizer Schriftsteller Franz Hohler hat 130 Jahre nach dem verheerenden Bergsturz von Elm im Jahr 1881 die Naturkatastrophe zu der ergreifenden Novelle «Die Steinflut» verarbeitet. Hauptfigur ist die kleine Katharina, die intuitiv fühlt, dass der Berg «kommen» wird.

Die Sammelmaschinerie, die im 19. Jahrhundert in Fahrt kam und die der neue Bundesstaat zur Festigung seiner Legitimation auszunützen wusste, hat sich 2000 für das von einer Naturkatastrophe in Mitleidenschaft gezogenen Bergdorf Gondo noch bewährt.

Postkartenansichten und Bündner Empfindlichkeiten

Zwischen Liebesgeschichte und Katastrophenkultur entwickelten sich Postkartenansichten und Bündner Empfindlichkeiten. Mit dem Alpenmythos nahm auch das alte Wechselspiel zwischen Aussen- und Binnenwahrnehmung seinen Anfang, das heute noch aktuell ist. «Während wir stolz Graubünden sagen, so spricht man im Unterland vom 'Bündnerland‘, wo in der Wahrnehmung der blaue Himmel und der weisse Schnee das Grau vertrieben hat», sagt der Historiker und Journalist Claudio Willi. Das Verhältnis zu den Städtern ist seit jeher ein kompliziertes.

Dennoch engagierten sich im 19. Jahrhundert namentlich die städtischen Zentren wie Basel, Zürich und Bern für die von den Unwettern heftig betroffenen Bergregionen. «So trugen die Hilfsaktionen dazu bei, bestehende soziale und regionale Gegensätze zu überbrücken und benachteiligte Regionen und Schichten enger an die Nation zu binden», führt er weiter aus. Das Geld floss von Reich zu Arm, von den Zentren in die Peripherie. Der Kanton Graubünden ist heute immer noch mit an der Spitze der Nehmerkantone im Finanzausgleich, doch die Solidarität der Geberkantone bröckelt

Die Städte gewinnen an Akzeptanz

Die Lausanner Wissenschaftlerin Joëlle Salomon Cavin hat den Begriff der «Urbaphobie» geprägt. In einem Interview mit Swissinfo.ch erklärt sie:

«Überall in Europa stützen sich die grossen nationalen Mythen auf die ländliche Welt. Die geografische Lage der Schweiz als Hüterin der alpinen Landschaft hat dieses Phänomen noch ausgeweitet. Dem entsprechend wurden die Städte lange Zeit vernachlässigt auf den Darstellungen, welche die Schweiz von sich selber machte. Die Schweiz hat vor allem das Image der Berge, der Ländlichkeit, der Dörfer und einiger kleiner 'Museums-Städte' wie Luzern entwickelt.

Tatsächlich ist dieser 'urbaphobe' Diskurs heute weniger präsent, insbesondere was die Raumentwicklung anbelangt. Der Wendepunkt kam Anfang der 2000er-Jahre, als Moritz Leuenberger die Agglomerationspolitik des Bundes lancierte. 2002 stellte die Landesausstellung die Städte in den Mittelpunkt. Obwohl es selbstverständlich scheint, hat die Bestätigung der Rolle der Städte als Wirtschaftsmotor die Gemüter erhitzen lassen.

In den letzten Jahren hat die Notwendigkeit des verdichteten Bauens im Dienst eines nachhaltigen Wachstums die Akzeptanz der Städte erhöht.

Eine gewisse latente 'Urbaphobie' bleibt indessen in der Schweiz bestehen. Die Initiative des Landschaftsschützers Franz Weber ist die beste Illustration davon. Während der Abstimmungskampagne wurde eine Fotomontage publiziert, die das Matterhorn von einer Stadt umzingelt zeigt. Dadurch wurde die Angst vermittelt, die Schweiz werde überall urbanisiert. Diese Vorstellung ist immer noch sehr bezeichnend.»

Quelle: Larissa M. Bieler/swissinfo.ch

Mit dem raschen Wachstum der Wirtschaft, des besiedelten Raumes sowie der sozialen Probleme in den Städten nach 1880 ging man zur Stadt ideologisch auf Distanz. «Gegenbilder zur zunehmend urbanen Schweiz schufen der Natur- und der Heimatschutz, die Festspiele, Bundesfeiern und Dorf-Darstellungen der Landesausstellungen sowie die vom 1897 gegründeten Schweizer Bauernverband gepflegte Ideologie des gesunden» 'Bauernstands‘, heisst es im Historischen Lexikon der Schweiz.

Die Kluft zwischen Städten und ländlichen Gebieten ist offensichtlicher geworden, weil sich die demografische und ökonomische Konzentration in den Städten und Agglomerationen akzentuiert hat. Das sagt die Lausanner Wissenschaftlerin Joëlle Salomon Cavin. Die Stadt setze sich der Kritik aus, weil sie viele Unannehmlichkeiten verursache. «Aber die 'Urbaphobie‘ geht viel weiter (siehe Kasten). Es ist ein organisierter Diskurs, ein feindliches Werturteil über die Städte, eine Ideologie, die sich auf die Praxis auswirkt», so Salomon Cavin.

«Die Kluft zwischen Städten und ländlichen Gebieten ist offensichtlicher geworden, weil sich die demografische und ökonomische Konzentration in den Städten und Agglomerationen akzentuiert hat.»
Joëlle Salomon Cavin, Wissenschaftlerin Universität Lausanne

Und diese lernen wir von Kindsbeinen an: «Das unschlagbare Heidi, die aus der 'Unwirtlichkeit der Städte‘, der deutschen Grossstadt, so schnell wie möglich flieht, womit sich uns schon als Kinder einprägte, was von den Städten zu halten ist», erinnert der Historiker Claudio Willi.

Den romantischen Gefühlen für die Berge allerdings wussten die Bündnerinnen und Bündner in der touristischen Vermarktung einiges abzugewinnen. Der Mythos und die vielen Klischees, die daraus entwachsen sind, Figuren, Geschichten und viel Folklore, haben lange Zeit die Kasse klingeln lassen. Peter von Matt schreibt in «Das Kalb vor der Gotthardpost»: «Als der Tourismus aufkam, wurde es wirtschaftlich einträglich, den Europäern ein Volk vorzuspielen, das unter Gletschern wohnt, niemanden stört, nicht gestört werden will und beim Melken seiner Kühe leise vor sich hinjodelt.» Auf diese Kritik reagieren die Bündnerinnen und Bündner mitunter besonders empfindlich.

Das auf sie projizierte Bild wird entstellt. Kürzlich tat auch der TV-Moderator Kurt Aeschbacher in einem Artikel der «Terra Grischuna» kund, «dass in den touristischen Regionen oftmals weniger die Liebe zur Heimat als die zum Geld die wichtigen Entscheide bestimmt».

Zähneknirschen zwischen den Bergspitzen

Das Zähneknirschen ist deutlicher zu hören. Man möchte die Natur oder auch die eigenen Wurzeln lieber für sich behalten. Überhaupt hat der Bergler das auf sein Wesen projizierte Glück erst mit dem Aufkommen des Tourismus akzeptieren können.

«Natürlich lässt er sich vorteilhafte Klischees dieser Art gern gefallen», schreibt Margrit Sprecher. Der sentimentale Blick von aussen aber kommt nur so lange gut an, wie sich die zahlreichen 'Bündner Fans‘ für ihre zweite Heimat nicht zu stark engagieren oder sich gar in politische Angelegenheiten einmischen.

Ins überhöhte Idealbild der Unterländer hat sich derweil wenig überraschend Enttäuschung und Unverständnis gemischt. Nicht nur die Entrüstung in Zürich über den Turmbau Remo Stoffels, auch Olympiapläne erschütterten jenseits der Tardisbrücke das Selbstverständnis. Graubünden trägt viele solcher Widersprüche in sich.

Der Kanton führte die Spitze der schweizerischen Bauhitparade an. «Es gibt Bündner Gemeinden, da geht die Sonne nicht mehr hinter den Bergen, sondern hinter den Betonblöcken der Aparthotels unter», schreibt Margrit Sprecher. Den Unterländern, von denen man finanziell abhängig ist, ist dies ein Dorn im Auge. Man möchte den Freizeitraum für sich behalten. Die Bündnerinnen und Bündner mögen ein aus der Aussenperspektive wohl auch merkwürdiges Verhältnis zur Natur pflegen: Die Heimat wird ausgeweidet wie ein kapitaler Hirsch, den man eben erlegt hat. Und mit Neid blickt man nach Österreich, wo jede Bergspitze weggesprengt wird, um ein Bergrestaurant zu bauen.

«Die Wahl von Martullo-Blocher ist ein Zeichen für die Krise des Selbstbewusstseins von Graubünden.»
Claude Longchamp, Politologe

Und dann der Bruch: Die Wahl der Zürcher Unternehmerin Magdalena Martullo-Blocher als Vertreterin für Graubünden ins Parlament in Bern. «Das ist ein Zeichen für die Krise des Selbstbewusstseins von Graubünden», erklärt der Politologe Claude Longchamp. Das zumindest ist die Wahrnehmung von Aussen. Vor wenigen Jahren wäre dies schlicht undenkbar gewesen.

Die Idylle wird so schnell zum Kitsch und auch die Städte haben wieder Aufwind. Der Wendepunkt, so sagt die Wissenschaftlerin Salomon Cavin, kam Anfang der 2000er-Jahre, als der damalige Bundesrat Moritz Leuenberger die Agglomerationspolitik des Bundes lancierte. Insgesamt leben rund 70 Prozent der Bevölkerung in den Städten und Agglomerationen – und dies auf bloss rund 28 Prozent der Landesfläche. 2002 stellte die Landesausstellung Expo 02 die Städte in den Mittelpunkt. «Obwohl es selbstverständlich scheint, hat die Bestätigung der Rolle der Städte als Wirtschaftsmotor die Gemüter erhitzen lassen.»

Ernst Stückelberg, Der letzte Ritter von Hohenrätien, 1883, Öl auf Leinwand, 117 x 175 cm, Bündner Kunstmuseum Chur, Schenkung der Söhne von Peter von Planta, Fürstenau (1910), © Bündner Kunstmuseum Chur

Auf bessere Tage wartend

Der Mythos des unverfälschten Schweizers entstand in den Köpfen der Städter aus einer gewissen Dekadenz heraus. Was der wahre Eidgenosse ist, wurde gerne auch auf die Bündnerinnen und Bündner projiziert. Davon hat Graubünden viele Jahre profitiert. Im 19. Jahrhundert setzte Johanna Spyri mit dem «Heidi» nochmals einen drauf.

Doch Mythen wandeln sich. «Mythen wandeln sich mit dem Zeitgeist. Das zeigten die Landesausstellungen frappant, vom Landigeist 1939 bis zur Expo 02», erklärt der Historiker und Journalist Claudio Willi. «Graubünden war noch mit 209 bemalten Steinböcken vertreten, die Heldengeschichte Tell und Co. in der Tiefkühltruhe der Migros versenkt. Auf 'bessere' Tage wartend?»

Die Bündner Befindlichkeit ist heute auch eine andere. Die ökonomische Abhängigkeit aber verunmöglicht derzeit beruhigende Gewissheiten in den Talschaften, existentielle Angst macht sich mitunter breit. Die Bündner Empfindlichkeit steht darum im Widerspruch zum alten Bild in den Köpfen vieler Städter.

«Das eine sind eben die Bilder, das andere ist der Reality Check: Die Städter suchen wieder stärker das Ursprüngliche, die Bergler lehnen es ab.»

Das eine sind eben die Bilder, das andere ist der Reality Check: Die Städter suchen wieder stärker das Ursprüngliche, die Bergler lehnen es ab.

Die politisch unterschiedlichen Voten zeigen dies deutlich – hinsichtlich Ökonomie, Ökologie und Globalisierung. Es wurden Fehler gemacht, vieles in Graubünden wurde nur für die schnelle Rendite verbaut, das hat die Gäste ernüchtert und das Selbstverständnis der von diesem üppigen Lob lebenden Gastgeber letztlich auch erschüttert.

Ein Video der NZZ geht viral in der Schweiz: Armin Capaul und die Hornkuhinitiative sind der lebendige Beweis, dass der Alpenmythos eben doch noch wirkt.

Die Alpen haben lange der Selbstvergewisserung im Land gedient, doch das Geschäft mit dem Mythos ist zäh geworden.

Die Frage ist: Wieviel ist von diesem Mythos und dieser Ursprungsvision heute in der eigentlich urbanen Schweiz, in Europa oder der Welt noch vorhanden? Kann sich der Alpenmythos, nicht zu verwechseln mit dem Reduit-Mythos und der Verkrustung der geistigen Landesverteidigung, wieder neu entfalten?

Die Figur des Mythos hätte von Innen die Kraft, auch fernab von fundamentalistischen Umweltbewegungen oder nationalkonservativen Kreisen eine Heimat- und Naturverbundenheit zu schaffen und wieder zu bestärken, wie man das beispielsweise in einem Kanton wie Appenzell heute noch sieht. Eine Kultur die Tradition und Moderne beispielhaft und authentisch vereinigt. Das Konzept aus der Vergangenheit wird aus der Historizität herausgehoben, wird etwas Zeitloses.

Die Chancen für Graubünden stehen gut. Das «Urban Gardening» hat mehr mit dem Nationalpark zu tun, als den Bündnerinnen und Bündnern lieb sein dürfte.

Und vielleicht liegt genau hier die Antwort auf die Frage, welche die Bündnerinnen und Bündner derzeit umtreibt: Nämlich was nach Olympia denn wirklich noch bleibt.


Die freie Abhängigkeit

 Benedikt Loderer aus Bern ist Architekt und Publizist. Unter anderem gründete er 1988 die Zeitschrift Hochparterre. 

Benedikt Loderer aus Bern ist Architekt und Publizist. Unter anderem gründete er 1988 die Zeitschrift Hochparterre. 

Oder: Graubünden aus dem Unterland betrachtet.

Das quengelnde Kind an der Migroskasse will den Fünfermocken. Die Mutter weigert sich erst, doch dann kauft sie sich frei. Das ist das Bündner-Unterländermuster gewoben aus Futterneid, Trotz, Henusode und Abhängigkeit. Der Futterneid heisst in der Eidgenossenschaft  Solidarität. Alle Landstriche sind vor der Ökonomie gleich, wo nicht, fliesst das Geld bergauf. Alle kriegen mindestens 80%. Der Trotz ist das Verdrängen des Dankesagens, denn das quengelnde Kind weiss, das habe ich zugut. Gesetzlich. Hierzulande herrscht der Föderalismus oder die Herrschaft der armen Verwandten. Minderheiten schützen heisst, Minderheiten bezahlen. Henusode, sagt Mutter Helvetia dem Frieden zuliebe. Sie kann sich’s leisten, noch hat sie das Geld. Nur sie. Von daher kommt die Abhängigkeit. Sie prägt grundlegend. Jeder Bündner weiss das. Das Kind ist auf Gedeih und Verderb der Mutter ausgeliefert. Graubünden ist zwar ein souveräner Kanton, aber trotzdem eidgenössich armengenössig. 

Anders herum: Die Bündner sind von den Unterländern abhängig. Die bringen das Geld. Als Steuerzahler und Touristen. Es gibt zwei Sorten Menschen in Graubünden: Den Gast und den Diener. Das macht empfindlich, genauer trotzig. Der Trotz hilft gegen das Ausgeliefertsein. Berglerstolz sagen dem die Bündner. Er hat zwei Aggregatszustände: Er ist felsenhart im politischen Geschäft, schmilzt aber rasch unter der Wärme des touristischen Geldes. Felsenhart ist die Autonomie der Abhängigen und butterweich die Dienstfertigkeit der Freien.

Die Unterländer schauen dem mit einer wohlwollenden Belustigung zu. Sie hangen an ihrem Bild vom echten Bündner. Il Pur suveran auf touristisch. Die heimische Exotik hat ihren Reiz. Die Unterländer sind in den Ferien, sie sind und haben frei, denn sie müssen sich ja ihr Geld nicht in den Bergen verdienen. Darum neigen sie zur milden Herablassung, was die Bündner tief kränkt. Doch sollen die in die Hand beissen, die sie füttert? Es bleibt Groll zurück. Er verwandelt sich in Verachtung. Die Unterländer sind zwar reicher, aber weicher. Kein Bündner kann sie als bergtauglich, das heisst, vollwertig anerkennen. Denen fehlt die Bergprägung, das Echte, das Bündnerische.

Die spüren das, doch nehmen sie’s gelassen. Die Bündner sind halt so. Was aber wirklich stört, ist das Quengeln. Ob Bundeskasse oder Migroskasse, das trotzige Quengelkind aus Bünden nervt.

IN YOUR FACE, ZÜRCHER!

 Gion Mathias Cavelty ist Kolumnist, Satiriker und Schriftsteller. Der gebürtige Churer lebt und arbeitet in Zürich. Zu seinen Bestsellern gehört beispielsweise «Endlich Nichtleser».

Gion Mathias Cavelty ist Kolumnist, Satiriker und Schriftsteller. Der gebürtige Churer lebt und arbeitet in Zürich. Zu seinen Bestsellern gehört beispielsweise «Endlich Nichtleser».

Ich wohne schon seit zwanzig Jahren in Zürich, wurde aber noch von keinem Zürcher kritisiert. Schlicht, weil es noch keiner gewagt hat. Denn meine mächtige, urbündnerische Aura lässt jeden Zürcher augenblicklich verstummen, wenn ich irgendwo auf den Plan trete. Die Züzis, mit denen ich schon geredet habe, haben die ganze Zeit eingeschüchtert an den Boden gestarrt und nur rumgedruckst. Wahrscheinlich haben auch meine kräftigen Ausdünstungen dazu beigetragen, denn als echter Bündner Naturbursche verzichte ich selbstredend auf Schischi-Zeugs wie Deodorants oder so. Und vielleicht auch die Tatsache, dass ich mich immer als «Linard Bardill» vorstelle.

An dieser Stelle könnte ich den Text guten Gewissens beenden. Ich will aber doch noch versuchen, die Kritikfähigkeit des Bündners möglichst genau festzulegen. Aus diesem Grund stelle ich ein paar Bündner Freunden die Frage: «Wenn dich ein Zürcher kritisiert – wie reagierst du?».

Die erste Antwort (von Nico C., geboren 1973 in Chur) macht mich tieftraurig (ja, wir Bündner sind nämlich auch sehr sensibel): «Ich wohne schon so lange im Unterland, dass ich mich selbst schon als Zürcher betrachte». Das darf doch nicht wahr sein! Das macht mich RASEND!!!! Und mit der zweiten Antwort, gegeben von Rapper Gimma, wird es noch schlimmer: «Ich gebe dem Zürcher selbstverständlich Recht, gehe nach Hause und weine stundenlang zum Sound von Mayday». Was ist aus uns Bündnern nur geworden?

Ein wenig Hoffnung keimt in mir auf bei der Antwort von Hans Jürg Zinsli, Bündner Kulturredaktor: «Der Tag, an dem ein Zürcher einen Bündner kritisiert, den gibt es nicht in meinem Kalender». Gut gebrüllt, Steinbock! Der brillante Grafikkünstler Remo Caminada gibt eine poetische Antwort (ja, wir Bündner sind nämlich auch sehr brillante Grafikkünstler und sehr poetisch): «ABCDEFGHIJKLMNOPQRSTUVWXYZ – beim Skifahren stehen wir hinten an» (verstehen Sie? Z für Zürcher, ganz am Schluss der Warteschlange vor dem Skilift). Treffender kann man es nicht ausdrücken! Claudio S. meint: «Davos, Laax, St. Moritz – you name it – alles voller Zürcher. Drum: Who cares, anyway!» Strike! Theo S., Theologiestudent aus Chur: «Ich ignorier’s. Wenn er’s wiederholt, ignorier ich’s nochmals. Und falls er trotzdem weiterhin darauf beharren sollte, dann krieg ich halt einen Jähzornanfall!» Die perfekte Synthese aus Neuem und Altem Testament (die andere Backe hinhalten/Zahn um Zahn)! Wir Bündner sind nämlich auch grossartige Theologen! Und auch voller Ironie und bereit, dem Zürcher die Hand zur Versöhnung zu reichen, wie der überragende Kunstmaler Martin J. Meier beweist: «Tangga, du Hübscha, und jetzt iss no an Raider!» (gerade fällt mir wieder einmal auf, wie viele überragende Kunstmaler unser Kanton hervorgebracht hat). In diesem Sinne: In your face, Zürcher!

PS: Einen Zürcher Freund, Rafi Perez, der sich in Graubünden seit vielen Jahren pudelwohl fühlt, will ich grosszügigerweise auch noch zu Wort kommen lassen: «Suffli’l tgil, ti tamazzi quader dil bloc! Mo ch’il giavel barschess la tata! Pil gianter!» Kein Wort verstanden. Typisch Zürcher, halt.