Bündnerjenisch

Bündnerjenisch

Daniel Huber ist so schweizerisch wie ein Schwyzerörgeli, so bündnerisch wie ein Mungg, und so jenisch wie ein «Fränzli». Er erzählt vom jenischen Alltag in Graubünden und wie sich dieser über die Generationen hinweg, von seinem Vater zu seinem Enkelkind, verändert hat – in den jenischen Knochen steckt noch viel Schmerz, der überwunden werden muss.

von Sabrina Bundi

Sabrina Bundi ist Journalistin und Comicautorin.

Sabrina Bundi ist Journalistin und Comicautorin.

Daniel Huber sitzt in der Beiz beim Platz Rania nähe Zillis im Fumoir, in der Ecke steht ein kleines Keyboard neben dem Schwyzerörgeli und der Zigaretten-Einroll-Dings-Maschine. Den Jenischen sieht man ihm am silbernen Ohrring mit Triangel an, der ihm vom linken Ohr baumelt. Ansonsten muss man schon zuhören. Wenn er zum Beispiel vom «Scharotl», dem Wohnwagen redet. Oder vom «Funi», dem Feuer, oder vom «Tschuggel», dem Hund. Er zankt mit dem Tischnachbarn, wie dringend der Schnee vom Wohnwagen gefegt werden muss, bevor er zu schwer wird.

Daniel Huber raucht, trinkt Kaffee, und erzählt. Jenische können gut erzählen. Packend, bildreich, ausdrucksstark. Manchmal etwas dramatisch zugespitzt. Ihre ganze Kultur ist eine Erzählkultur. Deshalb gehören sie auch zu den Ersten, die Mobiltelefone nutzten. Geräte, die man damals noch im Kofferraum verstaute. Heute liegt das Natel neben Dani Huber auf dem Tisch. Er ist soeben von Zürich nach Zillis gefahren. Denn seit er vor acht Jahren das Präsidium der Radgenossenschaft übernommen hat, ist er mit seiner zweiten Frau wieder sesshaft geworden. Hat den Wohnwagen nach 25 Jahren auf Reise durch einen Mietvertrag ersetzt. Wie übrigens die meisten Jenischen. Von den ungefähr 30 000 Jenischen in der Schweiz sind nur rund ein Zehntel Fahrende, «Volljenische» wie zum Beispiel Daniels Söhne Benjamin (33) und Jeremy (30), die noch nie einen Fuss in eine eigene Wohnung gesetzt haben.

Hier wird auf den ersten Blick ersichtlich, dass nicht nur campiert, sondern gelebt wird.

Fahrende verbringen vor allem die Sommermonate auf Plätzen wie hier in Zillis, wo auf den ersten Blick ersichtlich wird, dass nicht nur campiert, sondern gelebt wird. An den Dekorationen in ihren Pavillons zum Beispiel. In Graubünden können Fahrende mit Schweizer Bürgerrecht ausserdem Durchgangsplätze in Felsberg, Bonaduz oder Zillis benutzen. Kolleggers, Werros, Kesslers, Wasers, Mosers in der ganzen Schweiz haben ihre jenischen Wurzeln in Graubünden. Ganze Dörfer sind immer noch jenisch geprägt, zum Beispiel Lain, Muldain, Vaz/Obervaz, Zorten, oder auch das Welschdörfli in Chur, wo das Olmische Kober, eine Beiz für den Olmischen, den «Ältesten», Gäste bewirtet. Zahlreiche Jenische stammen auch aus Morissen, wo sie als Kleinbauern ansässig waren. Auch Daniel Huber hat hier Wurzeln. Sein Vater Robert Huber hatte das Bürgerrecht von Savognin, sein Onkel lebte in Schluein. Wobei ein Jenischer seine Heimat nicht aufgrund von Kantonsgrenzen definiert. Heimat ist mehr ein Gefühl. Und das erste Mal fühlte Dani Huber Graubünden mit 15 Jahren, auf seiner ersten Reise.

Daniels erste Reise

Daniel Huber ist 1966 «sesshaft» geboren. Seine Familie wohnte in Zürich, Kreis 4 und Altstetten, «wo die Sozialfälle untergebracht wurden und die Dirnen meine Babysitter waren». Es gab damals keine Durchgangsplätze für Jenische. Das Leben im Wohnwagen kannte Daniel nur von Wochenendausflügen nach Landquart. Mit 14 nahm ihn sein Vater aus der Schule, kündigte seinen Job, verkaufte sein Hab und Gut und machte sich mit der ganzen Familie auf die Reise. Mit Jeep und Wohnwagen. Nach Graubünden. Keine einfache Reise für Daniel der seine Freunde, Freundin und das «Beton» zurücklassen musste. «Ich war zwar gerne im Wohnwagen unterwegs, aber ich kam dann auch gerne wieder in unsere vier Wände zurück.» Er passte sich an das fahrende Leben an, lernte Scheren schleifen und handeln. «Die Berufswahl entscheidet sich bei den Jenischen schon früh, weil man oft die Väter begleitet.» Aber Jenische entscheiden sich nicht für EINEN Beruf. Es sind «mindestens fünf».

Schritt für Schritt wird er zum «Vollblutjenischen». Mit 17 lernt er seine erste Frau kennen, mit 19 wird er zum ersten Mal Vater. «Das war eine schwierige Zeit, fast hätte ich einen Vormund bekommen, denn ich war 19 und als Scherenschleifer ein Niemand. Das war hart.»

«Jenische entscheiden sich nicht für EINEN Beruf, es sind mindestens fünf.»

Von Vormündern könnte Danis Vater Robert Huber ein Trauerlied singen. Er war ein Kind der Landstrasse (siehe Kasten weiter unten). Mit 3 Jahren wurde er von seiner Familie weggenommen und an 15 oder 16 verschiedenen Orten versorgt. In Heimen, bei Bauern. Immer kontrolliert von der Pro Juventute, Marionette der Vormundschaftsbehörden. Kaum erwachsen will Robert Huber zurück zu seiner Kultur, auch wenn er nie bei Jenischen gelebt hatte. Nach und nach sucht er seine Familie und schafft mit 19 Jahren den Schritt in das jenischen Leben, aus dem er als Dreijähriger entrissen wurde, schreibt Willi Wottreng in seiner Biografie über Robert Huber.

Auch Robert Hubers erste unabhängige Reise hat ihn nach Graubünden geführt. Nach Schluein, wo sein Bruder, ebenfalls ein Kind der Landstrasse, seine Familie mit einem Kleingewerbe durchbringt. Der Bruder gibt Robert zwei Bünde Wäscheklämmerli. 72 Stück an einem Seil. Er schickt ihn hausieren. Es sei eine Ewigkeit vergangen, bis er den ersten Bund verkauft habe. Robert sehnt sich dem 20. Altersjahr und der damit einhergehenden Entmündigung entgegen. Doch kaum hat er gefeiert, steht schon ein Polizist auf der Türschwelle in Schluein. Wegen Liederlichkeit und Verschwendung wird Robert Huber nach Realta versetzt. Er reicht gegen das Urteil eine Beschwerde ein, die überraschenderweise gutgeheissen wird. Zum ersten Mal ist er nun die Pro Juventute definitiv los, ein neues Leben beginnt. Zwar bekommt er erneut einen Vormund von seiner Heimatgemeinde Savognin, aber Ulisse Peterelli, der Förster und Vormund, lässt ihn machen: «Schau, dass du mit der Polizei nichts zu tun hast», ist sein Rat, und mehr ward nicht mehr von ihm zu hören.

1953, Huber mittellos, erkämpft sich das Leben zurück, schafft es, für seinen Lebensunterhalt zu sorgen ohne der Gemeinde auf der Tasche zu liegen, gründet eine Familie, wird Präsident der Radgenossenschaft, widmet sein Leben dem Ziel, das «Unkraut der Landstrasse» zu eliminieren, Minderheiten und Verfolgten in ganz Europa zur Wiedergutmachung zu verhelfen, lobbyiert für Zigeuner, politisiert im Dienste der Fahrenden, kämpft für die Rechte der Jenischen, stirbt im Jahr 2009.

Die «Kinder der Landstrasse» in Graubünden

Bereits vor 1900 wurden vereinzelt Kinder von Nicht-Sesshaften ihren Familien weggenommen. 1924 sprach der Grosse Rat des Kantons Graubünden einen jährlichen «Vagantenkredit», um die Sesshaftmachung jenischer Familien zu fördern.

Ein erster Schritt Richtung «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» war das 1926 ins Leben gerufene Projekt der Pro Juventute, welches gemeinsam mit den Vormundschaftsbehörden das Ziel verfolgte, «den Verband des fahrenden Volkes zu sprengen und die Familiengemeinschaft auseinander zu reissen». Fahrende galten als asozial, deren Kinder sollten an die «mehrheitsgesellschaftliche Lebensweise» angepasst und zu «brauchbaren Arbeitern für die Gesellschaft» erzogen werden.

Nebst der Behauptung, dass die Sozialisation in fahrenden Familien schädlich sei, wurde auch mit rassenhygienischen Konzepten argumentiert. Eine Vorreiterrolle übernahm dabei der Bündner Psychiater Josef Jörger, der erste Leiter der psychiatrischen Klinik Waldhaus in Chur. Er verbreitete mit seinen Studien die Vorstellung vom «minderwertigen Erbgut Asozialer […], die das wertvolle Erbgut der sesshaften Mehrheitsbevölkerung schädigen werde, wenn seine Weitergabe nicht verhindert werde.» Rund 600 Kinder – ohne Dunkelziffer – wurden in den Jahren bis zur Auflösung im 1973 ihren Familien entzogen und in Heimen, Fremdfamilien, Bauernfamilien, psychiatrischen Anstalten oder Gefängnissen platziert. Fast die Hälfte, nämlich 294 der insgesamt 586 Kinder der Landstrasse, stammen aus Graubünden. Aufgrund des öffentlichen Drucks nach Aufdeckung mehrerer Schicksale von betroffenen Kindern wurde das Hilfswerk 1973 aufgelöst.

Quellen: stiftung-fahrende.ch und Wikipedia

Klüpperli, Chnobli und Besen

Robert Hubers erstes Verkaufsgut waren Wäscheklammern, Daniel’s Knoblauch und Benjamin’s Besen. Hausieren und das Verkaufen lernt ein Jenischer von «gätschig» auf. «Und was ist das anderes als wenn mir der Versicherungsvertreter jedes Jahr eine neue Krankenkasse per Telefon aufschwatzen will», fragt Daniel und bekommt vom Nachbarn eine Gedrehte in die Hand gedrückt. Ausserdem hat er früher Scheren geschliffen und mit Antiquitäten gehandelt.

«Es gibt immer etwas zu tun. Ein Jenischer wird niemals arbeitslos, solange er Kunden hat.»

Jenische sind der Inbegriff von Flexibilität: «Wir tun uns nicht schwer wie die Sesshaften – wenn wir einen Job verlieren, dann passen wir uns halt an». Sie behelfen sich mit dem, was da ist. Und wenn es in den Haushalten keine Scheren mehr zu schleifen gibt, bringen sie in den Schulen die stumpfe Papierschnittmaschine wieder auf Kante. «Es gibt immer etwas zu tun. Ein Jenischer wird niemals arbeitslos, solange er Kunden hat.» Schon seit Jahren würden viele denken, dass den Jenischen die Arbeit ausgeht. «Sie haben sich bis jetzt getäuscht.»

Dennoch haben sich die typisch jenischen Berufe wie Korber, Scherenschleifer, Zinngiesser, Störmetzger, Knecht, Schirmflicker, Abfalltransport, Antiquitäten- und Schrotthändler mit den Jahren (und dem Onlinehandel) verändert. Benjamin und Jeremy, Danis Söhne, machen viel mehr Maler-, Spenglerarbeiten und Hausrenovationen als ihr Vater Daniel. Viele Jenische führen heutzutage auf Reisen IT-Berufe aus oder werden Grafiker, sie handeln mit Büchern oder widmen sich der Krankenpflege oder der Gastronomie. Die Frauen versorgen meist immer noch den Haushalt und managen das Einkommen. Trotz traditioneller Rollenverteilung seien die Frauen der Jenischen aber immer schon gleichberechtigt gewesen, oder um es etwas jenischer zu sagen: «Wir jenischen Männer haben zwar die Hosen an, aber unsere Frauen suchen sie uns aus.»

Eine schulische Karriere streben die wenigsten Jenischen an – auch Daniel Huber und seine Söhne nicht. «Obwohl Benjamin sehr gut in der Schule war. Er hat sogar die Sek besucht und der eine Lehrer dort war ganz erstaunt, dass er zum Teil mehr draufhatte als die Kinder, die das ganze Jahr in die Schule gehen», spricht der Stolz. Fahrende Jenische besuchen die Schule vor allem in den Wintermonaten. Wenn sie weg sind, bekommen die Kinder oft Aufgaben mit oder mehrere fahrende Familien tun sich zusammen, um eine Aushilfslehrerin für ein paar Stunden die Woche zu engagieren. «Viele könnten aber auch nicht studieren, wenn sie wollten, denn wir haben ja nicht einmal Zeugnisse». Was ihm selber gar nichts ausmacht. «Was will ich mit diesem Papier, bei uns gilt das Wort und der Handschlag.» Dennoch bemüht er sich jetzt, als Präsident der Radgenossenschaft, dass Kinder und Jugendliche Bescheinigungen bekommen. Ein Umdenken findet statt: Zertifikate erleichtern den Erwerb und verhindern, dass Fahrende zu Dumpinglöhnen arbeiten müssen. Denn Armut ist ein Thema unter Jenischen, auch ohne monatlichen Mietzins ist das Leben teuer: Jenische müssen Gewerbepatente lösen, zahlen Steuern in ihrer Heimatgemeinde, haben ausser der Minimalrente oft gar keine Altersvorsorge.

Keine Zigeunerromantik

Die Armut ist nur eines der Probleme im Alltag der Jenischen – sie leben nicht romantisch, keine dunkelhaarigen Schönheiten lesen Dani aus der Hand und tanzen in bunten Röcken mit dem Tambourin um das Feuer. Die Kindswegnahmen, Zwangssterilisationen, Verfolgung, psychische Gewalt, Fremdplatzierungen und andere Gewalterfahrungen über Jahrhunderte hinweg haben in der jenischen Gesellschaft Spuren hinterlassen: Soziale Randständigkeit, Alkoholismus, Fürsorgeabhängigkeit, Aggression und Jähzorn. Fast jede jenische Familie trägt die Gewalt noch in den Knochen. Nicht nur der vererbten Gewalt, auch «modernen» Anfeindungen sind Jenische oft ausgesetzt. Robert, Daniel, und auch Benjamin und Jeremy wurden bereits mehrmals beschimpft. Früher als «Fecker, Parler, Cutsch, Jenk, Vagabund oder Landstreicher», heute «fahren die Leute an unseren Plätzen vorbei und schreien dann aus dem Fenster 'Ich bring euch um, ihr Dreckszigeuner'».

Auch die Gesetze erschweren die fahrende Lebensweise. Haben es schon früh. Insbesondere mit Einführung der Schulpflicht wurde es immer schwieriger. So wurde beispielsweise mit dem Einbürgerungsgesetz von 1851 versucht, das Fahren von Familien zu verhindern. Viele Fahrende wurden zwangseingebürgert an dem Ort, wo sie sich gerade befanden. Ausserdem wurden die Patente teurer und die Patentgesetze strenger. Sie mussten diese jeweils von Gemeinde zu Gemeinde bestätigen und visieren lassen. Kinder unter 15 Jahren durften nicht mitgenommen werden und das Hausieren in grösseren Familienverbänden wurde verboten. 2003 wurde das Patentwesen wieder gelockert, es gilt schweizweit. Ausserdem sind Jenische heute zwar in der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus vertreten, doch kaum im Parlament und in den Behörden. Und die schweizerischen Jenischen sind seit zwei Jahren als nationale Minderheit anerkannt.

«Der Lebensraum der Jenischen wird immer kleiner».

Trotz der Anerkennung, die für Dani Huber zwar sehr nett ist, fehlt es den Fahrenden am Wichtigsten: «Es gibt zu wenig Stand- und Durchgangsplätze für fahrende Jenische, der Lebensraum der Jenischen wird immer kleiner». Und das, obwohl jenische Familien wieder wachsen. Je besser das Trauma der Landstrasse verarbeitet wird, desto grösser werden wieder die Familien. Deshalb kämpft Daniel Huber von unten her um mehr Platz in der Gesellschaft. Seine Methode: Eine gute Kommunikation mit den Gemeindebehörden und Nachbarn, um Vorurteile abzubauen. Das machen die Jenischen zum Beispiel mit ihrer Feckerchilbi, zu der alle eingeladen werden: Musik, Jahrmarkt, Puppentheater, Akrobatik, Korben, Bootschen, Film, Gespräche am Feuer. Und ja, vielleicht drückt auch eine dunkelhaarige Schönheit dem sesshaften Nachbarn doch noch ein Tambourin in die Hand…

 

 

Anekdote zu den Jenischen

von Johannes Flury

Ich bin meine ersten zehn Jahre im Pfarrhaus in Thusis aufgewachsen. Oft sind wir mit der grossen Familie über die Hängebrücke, die «Ganggelibrugg» nach Sils gewandert, vorbei an einem Gehöft, wo Jenische ansässig waren, für uns Kinder natürlich ein Anziehungspunkt. 

War dort ein Kind geboren und sollte getauft werden, läutete es bei uns an der Haustüre: «Guati Frau, s’isch wieder e Klises kho. Khönntend miar nid ds’Taufkleidli ha?» Das wurde ihnen von der Mutter ausgehändigt und die Taufgesellschaft zog dann zum katholischen Thusner Pfarrer, der naturgemäss diesen Taufkleid-Service nicht bieten konnte. Immer ist das Taufkleid wieder zurückgekommen und so sind in diesem Kleid nicht nur die zahlreichen Flury-Kinder getauft worden, sondern die wohl mindestens ebenso zahlreichen jenischen Kinder. 

 

 

«Fahrende» – im Geiste noch heute?

von Georg Aliesch

«Nach den Angaben des alten Moser soll seine Familie von Wildhus im Toggenburg abstammen, aber schon der Urgrossvater von dort weggezogen, der Vater bereits im Lugnez und er selbst in Kazis gebohren seyn, letzterer will fast Zeitlebens sich dahier aufgehalten haben, als bis zu seinem 20ten Jahr in Kazis, in Holland 4 Jahr, Kazis ein Jahr, Piemont ein Jahr, wo man ihn wegwies, Kazis 2 Jahr, Masein 4 Jahr, Thusis ¾ Jahr, er sich dann unter den 15ten October 1817 als einen Heimathlosen meldete. …».[1]

Diese Sequenz aus einem Gutachten über die Zuteilung der heimatlosen Familie Moser zu einer Bürger- oder Aufenthaltsgemeinde[2] (die dann im Verarmungsfall unterstützungspflichtig war) widerspiegelt auf geradezu klassische Weise die landläufige Vorstellung der «Fahrenden»: Heute sind sie hier, morgen da, ohne einer geregelten Arbeit nachzugehen. Die Realität im 21. Jahrhundert sieht – glücklicherweise – anders aus. Waren die Jenischen oder Fahrenden als Angehörige der Schicht einer Armutsgesellschaft früher auf ständiger Wanderschaft und auf der Suche nach etwas Verdienst, Brot und einer Unterkunft, trifft dieses unstete Umherziehen in der heutigen Zeit nicht mehr zu. Die viel beschworene, aber wohl zu allen Zeiten wirklichkeitsfremde «Zigeunerromantik» gehört schon lange der Vergangenheit an.

In der Gemeinde Cazis steht auf einer Parzelle im Eigentum des Kantons einer von zwei Standplätzen für Fahrende in Graubünden. In meiner Funktion als Leiter Gemeindeaufsicht im Kanton Graubünden oblag mir auch die Aufgabe, als Stellvertreter des Grundeigentümers den Kontakt mit den Fahrenden zu pflegen, ihre etwaigen Anliegen entgegenzunehmen oder ihnen solche des Kantons zu kommunizieren. Die Bewohnerinnen und Bewohner eines Standplatzes sind aufgrund ihres festen Wohnsitzes ja keine herkömmlichen oder «klassischen» Fahrenden mehr. Als fahrend oder ambulant kann höchstens noch ihr Gewerbe bezeichnet werden. Umso mehr hat mich oft die Frage umgetrieben, ob sich gewisse Verhaltensweisen – etwa im Denken und Handeln der Fahrenden – im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte über Generationen hinweg erhalten oder ob sich die Spuren ihrer Vergangenheit bis zur Unkenntlichkeit aufgelöst haben. Oder kurz gefragt: Haben die Fahrenden einen Teil ihrer Identität in die Neuzeit «hinübergerettet»?

Die frühere nomadenhafte Lebensweise machte die Fahrenden zu einer Gruppe von Individuen, welche sowohl ökonomisch als auch sozial von der bürgerlichen Gesellschaft ausgeschlossen blieb. Als gleichsam positive Kehrseite erhielten sie sich dafür eine Unabhängigkeit gegenüber staatlichen Obrigkeiten, getreu dem deutschen Volkslied «Lustig ist das Zigeunerleben» aus dem 19. Jahrhundert: «Brauchen dem Kaiser kein Zins zu geben». Und auch wenn sie heute das frühere Umherziehen im Sinne der romantischen Verklärung «Lustig ist’s im grünen Wald, wo des Zigeuners Aufenthalt» gegen eine sesshafte Lebensweise eingetauscht haben, frühere Charakterzüge schimmern noch heute hier und da durch. Im Kontakt mit den Jenischen dringt immer wieder ihr Drang nach Eigenständigkeit und Ungebundenheit durch, obrigkeitliche Vorschriften sind einigermassen suspekt. Anordnungen werden zwar zur Kenntnis genommen, mit einer – durchaus positiv wahrgenommenen – gewissen Schlitzohrigkeit aber auch als «nicht so wichtig» genommen. Weisungen werden ab und zu «vergessen» und man wird mit vertrauensseliger Miene auf ein Morgen vertröstet. Man lässt sich halt nur ungern Vorschriften für seinen Alltag machen, man weiss selber gut genug, wie man sich einrichtet. Nach jedem Besuch in der Waldau in Cazis wurde offensichtlich, dass es für die Nachfahren der früheren «Kessler» und «Spengler» eine Selbstverständlichkeit ist, die Lebensweise und Traditionen ihrer Vorfahren, zwar unter heutigen Bedingungen, dafür aber umso bewusster weiter zu pflegen. Das fahrende Gewerbe wird mit Stolz und Ausdauer betrieben, wenig lohnend sicher, aber zufrieden, sich das zum Leben Notwendige zu verdienen.

Meine Antwort deshalb auf die im Titel gestellte Frage: Ja! Früheres jenisches Denken und Handeln ist in der heutigen Generation der Fahrenden noch allgegenwärtig. Es ist für sie selbstverständlich, die jenische Identität beizubehalten, nicht aus einem falsch verstandenen Pflichtbewusstsein, sondern aus tiefer Überzeugung heraus. Die Jenischen fühlen sich als Angehörige einer besonderen Bevölkerungsgruppe und – nimmt man mit einer Mischung aus Verwunderung und ebenso grosser Bewunderung wahr – sind zufrieden und glücklich dabei.

Es muss ja nicht gerade das «Zigeunerleben» des eingangs erwähnten heimatlosen «alten Moser» sein. Dennoch, Hand auf’s Herz: Wer würde sich in der heutigen Gesellschaft nicht manchmal gerne von den Zwängen des Alltags befreien und – wenn vielleicht auch nur für kurze Zeit – in die Haut eines Fahrenden schlüpfen?


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[1] Auszug aus einem Gutachten von 1824 «über die Angehörigkeit des Joseph Anton Moser und seiner Familie», zit. nach G. Dazzi, Bürger – angehörig – heimatlos, in: Dazzi Guadench/Galle Sara/Kaufmann Andréa/Meier Thomas,Puur und Kessler, Sesshafte und Fahrende in Graubünden, S. 40 – 66, hier S. 44 (Originalquelle: StAGR IV 26 b, Akte Moser Jos. Ant.).

[2] Vor allem in der ersten Hälfte des 19. Jh. mussten in Graubünden und anderswo viele «Heimatlose» sog. «zwangseingebürgert» werden.